In der Planung eines Gottesdienstes für Heilig Abend gilt ein Lied vielerorts quasi als »gesetzt«.

In der Planung eines Gottesdienstes für Heilig Abend gilt ein Lied vielerorts quasi als »gesetzt«: Joseph Mohrs »Stille Nacht, heilige Nacht« mit der Vertonung von Franz Xaver Gruber.

Ein Lied erobert die Welt

Geht ins Ohr, bleibt im Kopf, erreicht das Herz

Das Lied »Stille Nacht, heilige Nacht« gilt als das bekannteste Weihnachtslied weltweit. Vor zweihundert Jahren wurde es erstmals gesungen.

Zweihundert Jahre »Stille Nacht, heilige Nacht«: Das ist die Geschichte einer weihnachtlichen Weise, um die sich viele Legenden ranken. Mancher Mythos hält sich hartnäckig. Der Popularität des Liedes tut das keinen Abbruch – es ist ein Evergreen. Während die einen es als Schmonzette bezeichnen, entdecken die anderen darin eine tiefe Sehnsucht. Weil der Klassiker polarisiert, er weltbekannt und weltbeliebt ist, gehen wir ihm nach.

Abgeschnitten vom Fortschritt und arm

Die Zeitreise führt ins österreichische Salzburger Land nach Mariapfarr im Lungau. Das tausend Quadratkilometer große Tal erreicht man heute über den Tauerntunnel beziehungsweise die Autobahn. Vor zwei Jahrhunderten hingegen ist die Gegend weitab vom Schuss: Kleine Bauerndörfer auf über tausend Meter Seehöhe, umringt von der majestätischen Kulisse der Alpen, abgeschnitten vom Fortschritt, saukalt und arm. Und dennoch mittendrin im Weltgeschehen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts herrschen in Europa erbärmliche Zustände. Ausgehend vom Sturm auf die Bastille kommt es zu den sogenannten Koalitionskriegen. Von Anfang an mit dabei ist das Haus Habsburg in Österreich. Es stellt sich mit seinen Verbündeten gegen das revolutionäre Frankreich, sympathisiert mit der Monarchie und führt über zwanzig Jahre Krieg und muss schwere Niederlagen einstecken. Französische Truppen feiern Siege, werden zu Besatzern, plündern, brandschatzen und fordern exorbitante Reparationszahlungen. Der Landstrich blutet aus: Seuchen, Verelendung, mehr Todesfälle als Geburten – das Leben gleicht einer Tortur.

Das Jahr ohne Sommer

Es kommt noch schlimmer: In Indonesien ereignet sich 1815 einer der größten Vulkanausbrüche der Neuzeit. Eine gigantische Eruption sprengt den Vulkan Tambora und erschüttert das maritime Südostasien. Im Umkreis von 1.300 Kilometern geht Ascheregen nieder; zwei ganze Tage bleibt der Himmel schwarz. Riesige Flutwellen kosten etwa zehntausend Menschen direkt das Leben.

Die globale Dimension dieser Naturkatastrophe ist enorm. Schwefelgase gelangen in die Erdatmosphäre. Aerosolwolken »schlucken« das Sonnenlicht. Weltweit kühlt das Klima ab. Europa leidet 1816 ganzjährig unter Schnee, Hagel und Dauerregen. Die wenige Saat, die aufgeht, verfault auf den Äckern. Vieh wird notgeschlachtet. Seuchen grassieren. Man mischt Sägespäne unter die Brotlaibe; vor allem in den Bergen herrscht bitterstes Elend. In und aus dieser Not entsteht das Lied »Stille Nacht«.

Der Pfarrvikar und der Arrangeur

Joseph Mohr, 1792 unehelich nahe bei Salzburg geboren: Die Mutter Strickerin, der Vater Soldat und Deserteur. Karg sind die Verhältnisse, in denen der Junge aufwächst. Umso mehr überrascht seine erstaunliche Intelligenz. Johann Nepomuk Hiernle – Salzburger Domvikar – fördert den begabten Buben, so dass er Philosophie studieren kann. Mit neunzehn Jahren beginnt er seine theologische Ausbildung im Priesterseminar in Salzburg; 1815 wird er 23-jährig zum Priester geweiht. Ausgerechnet im Heimatort seines Vaters, in Mariapfarr im Lungau, tritt er seinen Dienst an und verfasst »Stille Nacht« als Gedicht mit sechs Strophen. Inspiriert vom spätgotischen Altar-Tafelbild mit der Anbetung der drei Könige soll er den Vers »Holder Knabe mit lockigem Haar« verfasst haben.

Das Klima der unwirtlichen Gegend setzt dem jungen Mann zu. Seine Tuberkulose flammt auf, er muss ins Hospital, wechselt danach ins klimatisch mildere Oberndorf bei Salzburg. Dort trifft er auf den fünf Jahre älteren Franz Xaver Gruber. Der stammt ebenfalls aus ärmlichem Milieu: geboren 1787 in labilen Zeiten, ausgestattet mit musikalischem Talent. Dass er das Zeug zum Lehrer und Musiker hat, fällt seinem Schulmeister auf. Orgelunterricht wird ihm durch den städtischen Pfarrorganisten Georg Hartdobler ermöglicht. Er wird Lehrer unter seinem Lehrer, arbeitet als solcher als Zwanzigjähriger in Arnsdorf. Um seine Finanzen aufzubessern, hilft er als Organist in der Kirche St. Nikola zu Oberndorf aus. Mohr, der Hilfsvikar und er, der Musikus, treffen aufeinander.

Der Schlüsselmoment: Heiligabend 1818

Die Orgel in St. Nikola in Oberndorf schwächelt an Heiligabend. Warum dies so war, darum ranken sich Legenden. Am bekanntesten ist die Erzählung, dass eine Maus den Blasebalg der Kirchenorgel angeknabbert haben soll. Mit musikalischer Begleitung an Heiligabend sieht es jedenfalls mau aus. Trotzdem bittet der Geistliche Josef Mohr den Organisten Gruber um eine Vertonung für sein zwei Jahre zuvor geschriebenes Gedicht. Gruber wählt dafür den Sechs-Achtel-Takt, den zärtlich melancholischen Siciliano-Rhythmus. Seine wiegenliedähnliche Komposition in D-Dur ist angesichts der Situation für zwei Solostimmen plus Chor und Gitarrenbegleitung erdacht. Priester und Aushilfsorganist bringen das Lied am 24. Dezember 1818 erstmals zu Gehör – nach der Christmette! Mohr spielt Gitarre und singt Tenor, Gruber besetzt den Bass. »Die Ergriffenheit derer, die an der Messe teilgenommen haben, war eine echte«, erinnert er sich später. Text und volksliedhafte Weise gehen ins Ohr, bleiben im Kopf und erreichen das Herz. Dass das Lied zu Propagandazwecken umgedichtet wird, es als Friedenswunsch in Schützengräben ertönt, Franklin D. Roosevelt und Winston Churchill es 1941 im Garten des Weißen Hauses singen werden – das weiß 1818 niemand. Dass es zum nationalen immateriellen Unesco-Kulturerbe in Österreich zählt, ihm eine Landesausstellung gewidmet und es entsprechend vermarktet wird, es millionenfach als Internet-Video vertreten ist oder gar verfilmt wird, ahnt ebenfalls noch niemand.

2,4 Milliarden Menschen – 350 Sprachen und Dialekte

Kleine Geste, große Wirkung: Im Zuge der Orgelreparatur von St. Nikola bittet Orgelbauer Mauraucher Kantor Gruber um die Noten. So gelangen Text und Komposition ins etwa 150 Kilometer entfernte Zillertal. »Stille Nacht« wird Teil des Programms der dortigen Sängergruppen. Ähnlich wie im böhmischen Erzgebirge verdingen sie sich als fahrende Händler und haben Tiroler Nationallieder im Gepäck. Es sind die Geschwister Strasser, die im Winter auf deutschen Märkten in Tracht musizieren, um Kundschaft anzulocken. Sie finden Gehör; die Leipziger sind begeistert. Ihre Auftritte im Telegrammstil: 1831 Weihnachtsmarkt Leipzig, 1832 Hotel de Pologne Leipzig, anschließend eine Deutschlandtour mit Stopps in Dresden, Berlin, Königsberg. Preußens König Friedrich Wilhelm IV. erklärt es zu seinem Lieblingslied; der Berliner Domchor nimmt es ins Repertoire auf. Ganz groß heraus kommt das Lied mit »The Rainer Family« aus Fügen. Überliefert ist, dass sie es vor Österreichs Kaiser Franz I. und Russlands Zar Alexander I. anstimmen. Auf Empfehlung hin bereisen sie ganz Europa, singen bei den Royals in England und touren mit den »Tyrolean Melodies« – eben Musik aus Tirol – fünf Jahre durch die USA. Von da an singt die ganze Welt: »Christ, der Retter ist da!«

Bildnachweis: Klaus Ulrich Ruof, EmK-Öffentlichkeitsarbeit
Dieser Artikel ist dem EmK-Magazin »unterwegs« 26/2018 vom 23. Dezember 2018 entnommen.


Die Autorin
Beatrix Junghans-Gläser ist Journalistin und lebt in Lößnitz. Kontakt über: redaktion(at)emk.de