Wie eine zerstörte Fußballer-Karriere doch noch ein gutes Ziel findet, erzählt der heute in Augsburg lebende Ruang Lian. Das Bild zeigt ihn als jungen Fußballspieler in seiner Heimat Birma, dem heutigen Myanmar.

Wie eine zerstörte Fußballer-Karriere doch noch ein gutes Ziel findet, erzählt der heute in Augsburg lebende Ruang Lian. Das Bild zeigt ihn als jungen Fußballspieler in seiner Heimat Birma, dem heutigen Myanmar.

Abseits des Rasens

Teure Lektion im Verzeihen

Der Fußball schreibt großartige Geschichten, heißt es. Eine über Hass und Vergebung erzählt ein ehemaliger Fußballer, dessen Karriere zerstört wurde.

Es ist der 26. Januar 2017: Ein junger und ein alter Mann aus Birma, dem heutigen Myanmar, begrüßen sich in Frankfurt am Main. Zwanzig Jahre lang hatte verbittertes Schweigen zwischen diesen beiden Männern geherrscht. Der junge Mann bin ich, der alte ist mein ehemaliger Trainer.

Tore schießen wie »Müller für Deutschland«

Deutsche würden vielleicht Gerd Müller nennen, wenn man sie nach dem Fußballstar ihrer Kindheit fragte. Aber wenn ein neunjähriger Junge in Birma Gerd Müller als sein Idol bezeichnet, ist das ungewöhnlich. Doch ich verehrte den »Bomber«, denn auch ich wollte Nationalspieler werden und Tore für Birma schießen, wie Müller für Deutschland. Mit 14 begann ich in der Junioren-Mannschaft.

Im Jahr 1988 kam es in meiner Heimat zu politischen Unruhen. Generäle hatten überall im Land die Macht übernommen. Im Namen der Sicherheit und nationalen Einheit wurden Künstler, Journalisten und alle, die mit der Militärdiktatur nicht kooperierten, eingesperrt. Wenn internationale Organisationen diese Willkür anprangerten, versuchte das Regime durch Festivals, Musik- und Sportveranstaltungen davon abzulenken und auf diese Weise Frieden und wirtschaftliche Entwicklung vorzuspiegeln.

Ein jäh zerstörter Traum

Für ein Turnier der U-18-Fußballmannschaften in der Hauptstadt Rangoon wurde ich 1993 ausgewählt, unsere Region in der Juniorenmannschaft zu repräsentieren. Wir erreichten den dritten Platz. Es war der größte Erfolg in der Geschichte unserer Jugendmannschaft, und ich war der »Mann des Spiels«. Die Landesmeisterschaft 1997 sollte in meiner Heimatstadt Hakha ausgetragen werden. Mit den Fans meiner Heimat im Rücken würde ich den Sprung ins Nationalteam schaffen.

Ein halbes Jahr vor der Meisterschaft wurden die entsprechenden Vorbereitungen durch die Militärregierung getroffen. Alle Spieler, der Trainer und die Heimfans waren hochmotiviert. Am zweiten Trainingstag wies ich unseren Trainer auf die mangelnde Vorbereitung hin. Ich versuchte ihn für bessere Unterstützung zu gewinnen, doch er ignorierte meine Vorschläge und drohte mir, mit den Militärs über mich zu sprechen. Mit zwölf weiteren Spielern unserer Mannschaft bestreikten wir daraufhin das nächste Training. Einige Offiziere der lokalen Regierung beschuldigten uns, dass wir für mehr Geld streiken würden. Das Militär sah uns plötzlich als Oppositionelle. Sogar einige meiner engsten Freunde verleumdeten mich. Dabei war unser einziges Ziel als Fußballer, die Trophäe zu gewinnen. Doch die Militärs wollten für die scheinbare innere Harmonie einen störungsfreien Veranstaltungsablauf. Am meisten verletzte mich, dass unsere Betreuer mit der Militärdiktatur gemeinsame Sache machten, sogar unser Trainer. Dadurch wurde mein Traum jäh zerstört und ich fiel für zwei Jahre in eine Depression. Unseren Trainer und die Vereinsspitze, die mit der Militärdiktatur kooperierten, konnte ich nicht einmal mehr grüßen. Wie sollte ich die respektieren, die ihre Macht auf dem Rücken Unschuldiger ausübten?
Hass und Verbitterung brannten in mir.

Wiedersehen in Deutschland

Nach der Meisterschaft versuchte mein Trainer mehrmals Kontakt zu mir aufzunehmen, doch ich wies ihn zurück. Wie konnte ich mit jemandem sprechen, der meinen Jugendtraum, ja mein Leben zerstört hatte? Als ich letztes Jahr nach Deutschland kam, begegnete ich meinem früheren Trainer noch einmal in Frankfurt. Diesmal konnte ich ihn von ganzem Herzen grüßen, denn nach 20 Jahren habe ich ihm vergeben. Ich konnte ihm sagen, dass mich die Offiziere zwar vom Fußball ausgeschlossen haben, aber Gott mich eingeladen hatte, Theologie in Birma, Indien und Schweden zu studieren. Nach neuneinhalb Jahren Theologiestudium konnte ich fünf Jahre lang als methodistischer Pastor in abgelegenen ländlichen Gebieten arbeiten. Aus einem depressiven Fußballspieler mit gebrochenem Herzen war ein fröhlicher Diener Gottes geworden. Hass wandelte sich in Vergebung und Verbitterung in Freude.

Göttliche Lektion

Inzwischen startete ich ein neues Leben in Augsburg als Ehemann und Vater eines kleinen Jungen. Meinem Trainer habe ich verziehen, obwohl er mich nie darum bat. Seitdem kann ich beten, wie es Jesus uns gelehrt hat: »… wie auch wir vergeben unseren Schuldigern«. Das Scheitern im Fußball hat mich eine teure Lektion in Verzeihen gelehrt: Während unser Traum zerschmettert wird, bereitet Gott etwas Besseres für uns vor!

Dieser Artikel ist dem EmK-Magazin »unterwegs« 14/2018 vom 8. Juli 2018 entnommen.
Bildnachweis: privat


Der Autor
Ruang Lian ist Theologe und lebt in Augsburg. Kontakt: redaktion(at)emk.de.