Der Pastor und Historiker Alfred Day (links) aus den USA und der frühere Bischof der EmK in Deutschland, Dr. Walter Klaiber, referierten über die vor 50 Jahren erfolgte Vereinigung der Evangelisch-methodistischen Kirche.

Der Pastor und Historiker Alfred Day (links) aus den USA und der frühere Bischof der EmK in Deutschland, Dr. Walter Klaiber, referierten über die vor 50 Jahren erfolgte Vereinigung der Evangelisch-methodistischen Kirche. Im Rückblick darauf dürfe das kirchliche Erbe aber nicht einfach nur verwaltet, sondern müsse gelebt werden, erklärte Bischof Dr. Walter Klaiber.

Vorträge an der THR

Vereinigt um zu einen

Vereinigungen gründen selten in Erfolgen. Meistens sind Krisen der Auslöser. Was die EmK aus ihrer Geschichte lernen kann, referierten zwei Experten.

Die Geburtsstunde der Evangelisch-methodistischen Kirche, die sich aus den beiden Vorgängerkirchen Methodistenkirche und Evangelischer Gemeinschaft vereinigte, liegt fünfzig Jahre zurück. Im Rückblick auf dieses Ereignis fand in der Theologischen Hochschule Reutlingen (THR) der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) Ende November ein Vortragsabend statt. Zwei Experten von diesseits und jenseits des Atlantiks waren Referenten dieses Abends. Als Hauptreferent war der Generalsekretär der Internationalen Kommission für Geschichte und Archivwesen der Evangelisch-methodistischen Kirche, Alfred T. Day, aus Madison im US-Bundesstaat New Jersey angereist. Er brachte die amerikanische Perspektive der Kirchenvereinigung ein. Aus deutscher Sicht referierte der im Ruhestand in Tübingen lebende ehemalige Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland und vormalige Dozent und Rektor des damaligen Theologischen Seminars in Reutlingen, Dr. Walter Klaiber. Vom Vortragsabend berichtet die Reutlinger Theologiestudentin Janina Schmückle.

Wenn vom Jahr 1968 die Rede ist, verbinden viele damit recht schnell den Vietnamkrieg, die Hippie-Bewegung oder die Ermordung Martin Luther Kings. Wie viele aber – auch aus der Evangelisch-methodistischen Kirche – würden mit diesem geschichtsträchtigen Jahr aus dem Stegreif und außerhalb des Erinnerungsjahres die Geburtsstunde der Evangelisch-methodistische Kirche verbinden? Inzwischen sind es wohl nicht mehr so viele, denen dieses Ereignis wirklich im Bewusstsein ist. Ein Grund mehr, im Jahr 2018 auf »50 Jahre Kirchenvereinigung« zurückzublicken.

Vereinigung zieht Versöhnungsarbeit nach sich

Alfred Day, der aus den USA angereiste Hauptreferent des Vortragsabends, hob in seinem Vortrag besonders auf das englische Wort »united« ab. In der englischsprachigen Kirchenbezeichnung »United Methodist Church« ist die »Vereinigung« betont und damit im Namen dauerhaft als »vereinte« Kirche erinnert. Der symbolträchtige Akt dieser Vereinigung hatte am 23. April 1968 in Dallas, im US-Bundesstaat Texas stattgefunden. Doch die Kirchenvereinigung sei mehr als nur ein feierlicher Akt gewesen. Was genau sich hinter dem Namensbestandteil »united« (vereint) verberge, erläuterte Day anhand eines kurzen historischen Rückblicks.
»United« bedeute die Vereinigung der Vorläuferkirchen mit ihren verschiedenen Verwurzelungen im deutschen Pietismus und der englischen Erweckungsbewegung. »United« meine aber noch mehr als die Zusammenführung verschiedener kirchlicher Traditionen. In den USA bedeutete das zugleich die Auflösung der afro-amerikanischen Zentralen Jurisdiktionalkonferenz, die 1939 aus rassistischen Motiven separiert wurde. Bis heute sei immer noch Versöhnungsarbeit zu leisten und in Erinnerung zu rufen, welche Bereicherung gerade die afro-amerikanischen Geschwister für die Vereinigung darstellten, erklärte Day. Schließlich sei die Vereinigung auch Ergebnis und Ausdruck der Leidenschaft vieler Menschen, die trotz unterschiedlicher ethnischer Herkunft, Kultur und Sprache die Erfahrung der Liebe Gottes in Jesus Christus teilen und die Früchte des Heiligen Geistes leben.

Kirche in turbulenten Zeiten

Von Beginn an sah sich die frisch vereinigte Evangelisch-methodistische Kirche großen Herausforderungen ausgesetzt. Bürgerrechtsbewegungen, Kalter Krieg, eine wachsende evangelikale Bewegung und gleichzeitig eine Liberalisierung der Lehrmeinungen sowie gesellschaftliche Umbrüche in Fragen zu Ehe oder Sexualität stellten die Frage, wie verbunden die neue Kirche in solch turbulenten Zeiten sein könne. Diese Frage stellte Day in den Raum und nannte daraufhin verschiedene Bewegungen, die aus den vielen Herausforderungen der zurückliegenden fünfzig Jahre entstanden sind. Dazu gehörten Bewegungen zur Befreiung aus Armut und aus der Dominanz einzelner traditioneller Gesellschaftsmodelle sowie die Bewegung des politischen und gesellschaftlichen Engagements in der Flüchtlingskrise angesichts eines zunehmenden Neo-Nationalismus.
Damit schlug Day den Bogen zu Gegenwart und Zukunft. Der fünfzigste Geburtstag der geeinten Kirche könne eigentlich Anlass zum Jubeln geben. Stattdessen, so Day weiter, nehme er eine Stimmung des Auseinanderbrechens, der Angst und der Nervosität wahr. In diesen turbulenten Zeiten, denen die weltweite Evangelisch-methodistische Kirche ausgesetzt sei, dürfe man sich nicht nur an alten Ordnungen und Strukturen orientieren. Vielmehr solle diese Kirche offen sein für die vielleicht größte Gabe des Heiligen Geistes: Kreativität. Im Vertrauen auf diesen Geist könne die Evangelisch-methodistische Kirche eine Kirche sein, die lebt und wächst, indem sie als vereinigte Kirche einend wirkt, durch tiefe Reue eine Erlösung bringende Kirche ist und indem sie durch Christus geprägt Gottes siegreichen Kampf für die Menschheit bezeugt.

Hoffnung auf missionarischen Durchbruch

Der zweite Referent des Abends, Walter Klaiber, war zur Zeit der Kirchenvereinigung von Methodistenkirche und Evangelischer Gemeinschaft in Deutschland Assistent an der Theologischen Fakultät der Universität in Tübingen. Die 68er-Bewegung übte in Deutschland Einfluss auf die Kirche aus ähnlich der Ereignisse in den USA. Der Drang nach Veränderung sei groß gewesen, während gleichzeitig eine Annäherung an die Volkskirchen stattgefunden habe, die laut Klaiber nicht nur positive Folgen hatte. Moderne liberale theologische Strömungen hätten auch die methodistische Theologie beeinflusst, weshalb es infolgedessen 1971 zu einem radikalen Umbruch am Theologischen Seminar in Reutlingen gekommen sei. Basierend auf diesem geschichtlichen Rückblick und persönlichen Erinnerungen stellte Klaiber die aus seiner Sicht grundlegende Frage, ob die kirchliche Vereinigung zu einer neuen kirchlichen Identität geführt habe. Die Vereinigung habe nicht, wie erwartet, zu einem missionarischen Durchbruch geführt. Vielmehr hätte die Evangelisch-methodistische Kirche das traurige Schicksal vieler vereinigter Kirchen geteilt, nämlich den Rückgang von Gliederzahlen. Die Gründe dafür sieht Klaiber in verschiedenen Faktoren. Maßgeblich sei, dass Vereinigungen meistens nicht in Erfolgszeiten stattfänden, sondern eher in Krisenzeiten.

Suche nach kirchlicher Identität

Außerdem beanspruche eine Vereinigung viele Kräfte für Strukturfragen und erschwere so die nötige Findung einer klaren Identität. Gerade das Fehlen eines eindeutigen markanten Profils erleichtere zwar ein ökumenisches Miteinander, biete vielen Suchenden aber keine klare Alternative zur Volkskirche. Allerdings habe die Vereinigung auch Positives bewirkt. Dazu gehöre, so Klaiber, die »kritisch-konstruktive« methodistische Wesley-Forschung, die zu einer klaren theologischen Fundierung geführt habe. Gerade sie habe im theologischen Denken und in der Verkündigung in eine neue Weite geführt, was Klaiber »als Geschenk« der Vereinigung betrachtet. Vor allem auf dem Papier habe die EmK ein eigenes, geprägtes theologisches Profil. In der Praxis jedoch scheine der ganzheitliche Anspruch an die Kirche, den Day zum Schluss seines Vortrags zitiert hatte, schwer umzusetzen zu sein. Seit der Kirchenvereinigung habe sich vieles getan, »aber«, so fragte Klaiber, »wissen wir heute noch, was der wesleyanische Grundauftrag ›Seelen zu retten‹ konkret bedeutet?« Die Frage nach einer neuen kirchlichen Identität beantwortete Klaiber am Ende seines Vortrags selbst: »Als Evangelisch-methodistische Kirche haben wir ein wichtiges Erbe, das nicht verwaltet, sondern für andere gelebt werden sollte.« Diese Aussage aufgreifend erwiderte Day: »Dieses Erbe, das sind Menschen, die ihren persönlichen Glauben in Gemeinschaft und in der sozialen Heiligung leben. Dort hin sollten wir zurückkommen, dann werden wir wieder wachsen.«

Bildnachweis: privat


Die Autorin
Janina Schmückle ist Studentin der Theologie im Master-Studium an der Theologischen Hochschule Reutlingen. Kontakt über: oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de