In einem engagierten theologischen Referat wirbt Dr. Manfred Marquardt für das »aufrichtige Herz«.

Der erhobene Zeigefinger dient nur der Unterstreichung. In einem engagierten theologischen Referat wirbt Dr. Manfred Marquardt für das »aufrichtige Herz«, mit dem Grenzen überwunden werden können.

Süddeutsche Jährliche Konferenz

Das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden

Bis heute aktuell: Die ökumenische Gesinnung nach John Wesley. Das aufrichtige Herz kann Grenzen überschreiten und Verschiedenheit zulassen.

Am Samstagvormittag nahm sich die Süddeutsche Jährliche Konferenz Zeit für eine vertiefte theologische Auseinandersetzung. Dazu war Manfred Marquardt zu einem Referat unter dem Titel »Ist dein Herz aufrichtig?« eingeladen. Der langjährige Dozent und Direktor der Theologischen Hochschule Reutlingen nahm damit ein Wort aus der Lehrpredigt John Wesleys über die »Ökumenische Gesinnung« auf.

Das aufrechte Herz

Der kurze Dialog »Ist dein Herz aufrichtig gegen mich, dann gib mir deine Hand!« stammt aus 2. Könige 10,15. Wesley löst diesen Vers von seinem Kontext. Ihm geht es um das Gespräch zwischen zwei Personen, die gegensätzliche Positionen beziehen. Nach der Bibel sei das Herz das Zentrum einer Person, in dem »Wollen, Empfinden und Denken ihren Sitz haben«, erklärt Marquardt. Für eine gelingende Beziehung sei ein »aufrichtiges Herz« wichtig. Dieses rede nicht anders als es empfindet. »Da wird nicht hinter dem Rücken konspiriert oder agitiert, sondern mit offenen Karten gespielt«, sagt Marquardt. Wesley rückt die Aufrichtigkeit der Herzen in den Mittelpunkt: »Wenn Menschen auch nicht gleich denken, so sollen sie doch gleich lieben.«

Warnung vor Fanatismus

Hier ergänzt Marquardt seine Überlegungen durch einen Rückgriff auf zwei unmittelbar vorhergehende Lehrpredigten: In seiner Predigt 37 mit dem Titel »Warnung vor Fanatismus«, kritisiert Wesley Fanatiker, die sich einbilden, Gott habe ihnen genau gesagt, was er von ihnen wolle. Dabei würden sie weder Vernunft noch Erfahrung zu Rate ziehen.

In Predigt 38 warnt er vor Engstirnigkeit, also vor einer zu starken Vorliebe für die eigene Gruppe. Mit dem liberalen Denken seiner Zeit wusste Wesley, dass Menschen sich irren können und trat deshalb für Toleranz ein. Die tätige Liebe und das gemeinsame Dienen am Reich Gottes sei der geltende Maßstab.

Es braucht den Geist, um das Wort zu verstehen

Für Gespräche über Glaubensinhalte, ethische Regeln und Werte hat John Wesley die bekannte Regel ausgegeben: »Im Wesentlichen Einheit, im Strittigen Freiheit, in allem Liebe.« Damit sei festzulegen, was denn das Wesentliche sei, gibt Marquardt zu bedenken: Worin besteht der »Kernbestand unserer Glaubenslehre«? Dabei kommt es darauf an, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Es reiche aber nicht, allein Bibelstellen zu zitieren, um das Wesentliche zu benennen. Auch Bibelworte könnten missverstanden, ja missbraucht werden. »Wir müssen lernen und uns darin üben, zwischen Wort und Geist zu unterscheiden«, betont Marquardt.

Als Beispiel einer theologischen Fehlentscheidung erinnerte Marquardt an einen schmerzlichen Punkt in der Geschichte des Methodismus. Fünfzig Jahre nach dem Tod John Wesleys spaltete sich die Bischöfliche Methodistenkirche des Südens der USA von der Bischöflichen Methodistenkirche ab, weil man das Recht auf Sklavenbesitz nicht abschaffen wollte. Als Begründung dafür diente die Bibel, die Sklaverei nicht ablehne. Erst 1939 wurden diese Kirchenzweige des Methodismus wieder vereinigt.

Marquardt ist sich sicher, »ohne das Wort, das Gott bezeugt, können wir Gottes Willen weder verstehen noch tun.« Um dieses Wort zu verstehen, brauche es den Geist, »der es zum Verstehen und Wollen lebendig macht«. Erst dann, so Marquardt, würden die nötigen Unterscheidungen gelingen.

Bildnachweis: Klaus Ulrich Ruof, EmK-Öffentlichkeitsarbeit


Die Autoren
Michael Putzke ist leitender Redakteur des zweiwöchentlich erscheinenden EmK-Magazins »Unterwegs«. Christof Voigt ist Professor für Philosophie und Biblische Sprachen an der Theologischen Hochschule Reutlingen der Evangelisch-methodistischen Kirche. Kontakt: oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de

Weiterführende Links
Vortrag »Ist dein Herz aufrichtig?« (PDF)
Informationen zur SJK
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Die Süddeutsche Konferenz umfasst 242 Gemeinden mit rund 27.600 Kirchengliedern und Kirchenangehörigen in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland sowie Teilen von Nordrhein-Westfalen.