Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel und die ehemalige Präsidentin des westafrikanischen Landes Liberia, Ellen Johnson-Sirleaf

Zwei strahlende, einander in gegenseitiger Achtung und persönlicher Freundschaft zugeneigte Politikerinnen vor einem hörwilligen Kirchentagspublikum: Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel und die ehemalige Präsidentin des westafrikanischen Landes Liberia, Ellen Johnson-Sirleaf.

Ellen Johnson-Sirleaf

Methodistische Politikerin auf Kirchentagspodium

Zwei Weltpolitikerinnen geben sich beim Kirchentag die Ehre und sprechen über »Vertrauen in der Politik« als Voraussetzung zu Veränderungen zum Guten.

In der größten Halle im Dortmunder Messegelände drängt sich das Publikum, um zwei sich freundschaftlich duzenden Weltpolitikerinnen zuzuhören. Die eine, Ellen Johnson-Sirleaf, war Präsidentin des westafrikanischen Landes Liberia. Die andere ist die seit vierzehn Jahren amtierende deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Seit 2007 kennen sie sich, als die Bundeskanzlerin das westafrikanische Land besuchte und dort der bedachten Präsidentin Johnson-Sirleaf begegnete. Diese war zu der Zeit erst ein Jahr im Amt und am Anfang eines langen Weges, auf dem sie ihr Land aus den Wirren eines langen Krieges herausführte.

Erfahrungen zweier Frauen der großen Weltpolitik

Im August dieses Jahres feiert Liberia sechzehnjähriges Jubiläum anhaltender Friedenszeit, nachdem das Land zuvor während vierzehn Jahren in einem das Land tief erschütternden Bürgerkrieg versunken war. Zu verdanken war dies einerseits der weisen Politikerin Ellen Johnson-Sirleaf, die 2005 bei demokratischen Wahlen zur Präsidentin gekürt wurde und ihr Amt im Januar 2006 antrat. Andererseits waren die nachhaltigen Veränderungen und die Befriedung internationaler Unterstützung zu verdanken, die dem Land einen nicht für möglich gehaltenen Aufschwung ermöglichten. Diese Tatsache war Anlass für das Thema des Podiums: »Vertrauen als Grundlage internationaler Politik?« Dabei ging es um »Voraussetzungen, Anforderungen und Hindernisse einer multilateralen Weltordnung«, wozu sich die beiden Politikerinnen aus ihrem gemeinsamen politischen Erfahrungsschatz äußerten.

Bildung und internationale Hilfe als gesellschaftliche Befriedung

Aus dem zurückliegenden Bürgerkrieg, gesellschaftlichen Auseinandersetzungen verbunden mit wirtschaftlichem Niedergang und globalen Krisen hätten die Liberianer gelernt, dass nur »respektvolle politische Führung, achtungsvoller Umgang der Bevölkerung untereinander und auf lokaler Ebene geformte Lösungsansätze« ein Land voranbrächten. »Allerdings«, so ist die inzwischen im Ruhestand lebende liberianische Politikerin überzeugt, »kann ein Land das niemals alleine schaffen«. Mit dem Hinweis auf die Ebola-Epidemie im eigenen Land und aktuell im Kongo sowie die für Afrika bis zum Jahr 2030 als Ziel gesetzte Überwindung von Aids, Tuberkulose und Malaria unterstrich die der Evangelisch-methodistischen Kirche angehörige Johnson-Sirleaf, dass nur in internationaler Zusammenarbeit solche großen Ziele zu erreichen sind. Dafür sei gegenseitiges Vertrauen, sowohl in der Zivilgesellschaft als auch in internationaler politischer und wirtschaftlicher Zusammenarbeit unabdingbar. Es sei, das bestätigen beide Politikerinnen, eine besondere Fügung gewesen, dass durch den jetzt zwölf Jahre zurückliegenden Besuch der Bundeskanzlerin in Liberia die Zusammenarbeit beider Länder und auf verschiedenen Ebenen die Entwicklung in Liberia positiv befördert wurde. Dazu habe auch ein von der Bundeskanzlerin verlässlich unterstützter Schuldenerlass beigetragen, der Mittel für Bildung und gesellschaftliche Entwicklung freimachte. Erst dadurch habe sich die Gesellschaft stabilisiert und nachhaltig entwickelt. Dazu gehörte auch die gewaltfreie Überwindung gesellschaftlicher Zerrüttung und der unermüdliche Einsatz für die Sicherheit von Frauen und die Wahrung von Frauenrechten, für den die weltweit geachtete Politikerin 2011 den Friedensnobelpreis erhielt. Während der Ebola-Epidemie in den Jahren 2014 bis 2016 habe sich die Belastungsfähigkeit des Systems erstmals unter kritischen Bedingungen beweisen müssen, wozu die internationale Unterstützung wiederum einen erheblichen Beitrag leistete.

Politik braucht Begegnung und Vertrauen

Mit Bezug auf die Geschichte Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg hob Bundeskanzlerin Angela Merkel hervor, wieviel Vertrauen und Vertrauensvorschuss Deutschland erhalten habe, obwohl es viel Leid durch Kriege in die Welt getragen habe. Nur durch internationale Unterstützung und großzügiges Entgegenkommen ursprünglich auch verfeindeter Mächte und Länder habe Deutschland wieder einen geachteten Platz in der Völkergemeinschaft gefunden. »Das grenzt an ein Wunder«, kommentiert Merkel diese für Deutschland besondere Erfahrung. Es habe starke Fürsprecher und in der deutschen Politik auch vertrauenswürdige und verlässliche Politiker und Persönlichkeiten gegeben, die diesen Weg ermöglicht hätten. Das dürfe Deutschland niemals vergessen. Mit Blick auf aktuelle Entwicklungen in weltpolitischen und weltwirtschaftlichen Dimensionen unterstreicht Merkel diese Verantwortung für alle daran beteiligten Parteien. Zusammenarbeit und die Suche nach gemeinsamen Lösungen benötige persönliche Begegnungen und gegenseitiges Vertrauen.

»Veränderung zum Guten ist möglich«

»Wer Vertrauen genießt, übernimmt damit auch Verantwortung und muss dieser Verantwortung jeden Tag gerecht werden«, betont die Kanzlerin die daraus folgenden Konsequenzen. »Wir tun das in der Überzeugung, dass kein Land alleine die globalen Herausforderungen bewältigen kann«, ergänzt sie unter dem Beifall des Publikums. Im weltpolitischen Maßstab seien dabei aber alle Beteiligten gefordert, obwohl das Vertrauen in die internationalen Beziehungen »aktuell an vielen Stellen abnimmt«. Viele Gesellschaften und Gruppen konzentrierten sich nur noch auf sich. Kompromisse, Regeln und internationale Verträge würden in Frage gestellt, obwohl oft nur die Bereitschaft zu Kompromissen und die Bereitschaft zu multilateralen Vereinbarungen das globale Gemeinwohl fördern könnten und damit auch dem nationalen Wohl dienten. »Das eine gibt es ohne das andere nicht«, ist die Kanzlerin überzeugt. »Veränderung zum Guten«, so die Kanzlerin, »ist möglich. Wir haben die Kraft, Veränderungen zum Guten zu bewirken.« Dazu zählt sie die Erderwärmung, Hunger, Flucht und Vertreibung sowie gesellschaftliche und gesundheitliche Herausforderungen auf. »Das alles können wir schaffen, wir haben die Kraft, das zu gestalten.« Mit einem ungewöhnlich offenen und selten gehörten Bekenntnis endet die Kanzlerin ihren Vortrag: »Dazu gehört eine Kraft, die wir Christinnen und Christen auch aus dem Gottvertrauen schöpfen.« Dem Christentum und den anderen Religionen komme in der Bewältigung dieser Fragen eine große Bedeutung zu, deshalb sei sie sehr dankbar für die Themensetzung des Kirchentags.

Bildnachweis: Klaus Ulrich Ruof, EmK-Öffentlichkeitsarbeit


Der Autor
Klaus Ulrich Ruof ist Referent für Öffentlichkeitsarbeit und Pressesprecher der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland in Frankfurt am Main. Kontakt: oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de