Professor Dr. Andreas Feldtkeller erklärt mit einem Schaubild den Unterschied der Sichtweisen von außen und von innen.

»Es entgeht uns etwas ganz Wesentliches, wenn wir Dinge nur von außen sehen.« – Professor Dr. Andreas Feldtkeller erklärt mit einem Schaubild den Unterschied der Sichtweisen von außen und von innen.

Interreligiöser Dialog

Stressfrei und ohne Druck

Wie interreligiöser Dialog auf Augenhöhe und achtungsvoll geschehen kann, zeigt eine Veranstaltung an der Theologischen Hochschule Reutlingen.

Unter dem Titel »Identität und Dialog« fand Ende Juni an der Theologischen Hochschule Reutlingen (THR) ein Blockseminar im Bereich der Missions- und Religionswissenschaft statt. An drei Tagen wurde in verschiedenen Referaten, Beiträgen und Auslegungen die Begegnung von Religionen am Beispiel des Judentums, Christentums und des Islams beleuchtet.

Dem Gegenüber aufrichtig und einfühlsam begegnen

»Es entgeht uns etwas ganz Wesentliches, wenn wir Dinge nur von außen sehen«, sagte Andreas Feldtkeller zum Auftakt seines ersten Vortrags. In zwei Vorträgen legte der promovierte evangelische Theologe dar, wie Christentum und Islam einander begegnen können und wie die Frage der Mission im Umgang dieser beiden Weltreligionen und auch mit dem Judentum zu betrachten ist. Der Professor für Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie an der Berliner Humboldt-Universität beschreibt in seinen Vorträgen, wie eine fundierte Begegnung zwischen den Religionen stattfinden kann, die aus einem anspruchsvollen Dialog erwächst. Das fordere von den Beteiligten Klarheit über die Sichtweise zur eigenen Religion. Nur der sei in der Lage, einer anderen Religion aufrichtig und einfühlsam zu begegnen, der gegenüber der eigenen Religion in gewissem Maße eine kritisch-selbstkritische Haltung einnehmen könne. Je stärker die eigene Religion mit allen Überlieferungen loyal vertreten werde, desto stärker sei die Gefahr, das Gegenüber verzerrt wahrzunehmen und in der Kritik sogar »falsch Zeugnis wider den Nächsten« zu verbreiten.

Im Blick auf die sogenannte »missio dei«, wie die »Sendung Gottes« in der Theologie bezeichnet wird, führe diese Grundhaltung dazu, dass der Begriff des »Missionsobjektes« heute als unpassend bezeichnet und daher nicht mehr verwendet werde. »Gott bestimmt nicht Menschen zu Objekten anderer«, betont Feldtkeller und lädt als Konsequenz daraus zu einem sehr sensiblen Umgang mit den beiden anderen Religionen, Judentum und Islam, ein. So könne auch dem Islam gegenüber nicht einfach der »Glaube an denselben Gott« bestritten werden, nur weil der islamische Gottesglaube nicht trinitarisch sei. Eine aufmerksame Koranlektüre zeige »unbestreitbar« viele Berührungen mit dem Gott Israels und dessen Volk, deshalb sei die These, dass Muslime nicht an denselben Gott glauben, »nur um den Preis zu haben, dass der Gott Israels nicht der Gott der Christen ist«.

Den anderen nicht als Objekt ansehen

Wie Christen »stressfrei« und »ohne den anderen unter Druck zu setzen« Zeugnis geben können, beschrieb Harald Rückert in seinem Beitrag. Der Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) für Deutschland führte in den Inhalt und die Bedeutung des 2011 verabschiedeten Dokuments »MissionRespekt – Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt« ein. Diese vom Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog (PCID), der Evangelischen Weltallianz (WEA) und dem Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) gemeinsam verfasste Verlautbarung sei bis hinein in Gemeinden und Gruppen eine gute Grundlage, um über Fragen von Mission und Evangelisation Klarheit zu gewinnen.

So werde darin eine Sprache vermieden, die »den anderen als Objekt sieht, auf dessen Veränderung hin ich aktiv sein müsste«. Vielmehr werde darin eine Sprache verwendet, die »die Haltungen, Einstellungen, Überzeugungen und Verhaltensweisen bei denjenigen beschreibt, die sich in die ›missio dei‹ einbezogen wissen als Teil der Sendung Gottes«. Christen hätten so den Auftrag, ihren Glauben zu bezeugen, »aber die Wirkung dieses Zeugnisses ist nicht mehr unsere Sache«, so Rückert. Und weiter: »Das setzt uns frei, aber es setzt uns auch frei, dem anderen die Freiheit zu belassen – und es macht uns frei von einem riesengroßen Druck«.

Dialog praktisch: Der Rat der Religionen

In der Podiumsdiskussion am Donnerstagabend wurde es dann praktisch. Der sich in der Stadt Reutlingen bildende neue »Rat der Religionen« wurde vorgestellt. Ziel dieses Rates ist die Verbesserung des Dialogs zwischen den Religionsgemeinschaften in der Stadt mit gut 100.000 Einwohnern. Auf dem Podium saßen neben der Moderatorin und EmK-Historikerin Ulrike Schuler die Leiterin des Amtes für Integration der Stadt Reutlingen, Sultan Braun, sowie Lena Zoller von der Stiftung Weltethos und der Islambeauftragte im Evangelischen Kirchenbezirk Reutlingen, Frieder Leube. Die in ihrer Zielsetzung vorgestellte Satzung soll dazu verhelfen, den Dialog zwischen den Religionen in der Stadt noch zu verbessern.

Das Gremium soll »eine wichtige Funktion als Brückenbauer zwischen den Religionsgemeinschaften und der Stadtgesellschaft« einnehmen, erläuterte Frieder Leube den Anspruch dieser neuen örtlichen Institution des interreligiösen Dialogs. Außerdem gehe es darum, das lokale Miteinander der Religionen zu fördern »und bestehende Vorurteile und Konkurrenzdenken zwischen den verschiedenen Religionsgemeinden abzubauen«, so Sultan Braun, die seit 18 Jahren bei der Stadt für Integrationsfragen zuständig ist. Denn es lebten in Reutlingen Menschen aus 135 verschiedenen Ländern und rund 40 Prozent der Bürger hätten einen Migrationshintergrund. Nachdem die Satzung steht, soll das Gremium noch im laufenden Jahr installiert werden. Damit könnte gezeigt werden, dass Religion die Menschen nicht trenne, sondern verbinde.

Bildnachweis: Klaus Ulrich Ruof, EmK-Öffentlichkeitsarbeit


Der Autor
Klaus Ulrich Ruof ist Referent für Öffentlichkeitsarbeit und Pressesprecher der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland in Frankfurt am Main. Kontakt: oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de

Weiterführende Links
Video-Zusammenfassung des Blockseminars
Internetpräsenz »MissionRespekt«
Dokument »MissionRespekt«

Zur Information
Das Blockseminar im Bereich der Missions- und Religionswissenschaft wird alle drei Jahre von der THR mit prominenten Rednern durchgeführt. Dieses Jahr fand es in Zusammenarbeit mit einer Einrichtung der Evangelisch-methodistischen Kirche aus den USA statt, die sich »ökumenische und interreligiöse Ausbildung« (United Methodist Ecumenical and Interreligious Training, UMEIT) zum Thema gemacht und die Veranstaltung in Reutlingen finanziell unterstützt hat . UMEIT veranstaltet jedes Jahr eine solche Tagung in einer der Regionen der weltweiten Evangelisch-methodistischen Kirche. Für dieses Jahr war Europa ausgewählt, weshalb bei der Tagung auch Personen des Colleges der Kirche des Nazareners aus dem englischen Manchester teilnahmen.
Die Theologische Hochschule Reutlingen (THR) ist als Einrichtung der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland, Österreich und der Schweiz die international ausgerichtete Studienstätte des deutschsprachigen Methodismus. Sie ist eine staatlich anerkannte Hochschule und verleiht die international anerkannten Studienabschlüsse Bachelor of Arts (B.A.) und Master of Arts (M.A.) in Theologie.
www.th-reutlingen.de