Bischof Harald Rückert in seinem Wort zum dreißigsten Jahrestag der Deutschen Einheit.

»Mit dem Glauben und dem Mut der Menschen in der DDR hatte alles begonnen.« Bischof Harald Rückert in seinem Wort zum dreißigsten Jahrestag der Deutschen Einheit.

30 Jahre Deutsche Einheit

Mit Glauben und Mut fing alles an

Zum dreißigsten Jahrestag der Deutschen Einheit wendet sich Bischof Harald Rückert in dankbarer Erinnerung und mahnender Aufforderung zu Wort.

Heute, am 3. Oktober, hält Deutschland inne und feiert dreißig Jahre Deutsche Einheit. Ein schwarz-rot-goldener Feiertag. Morgen, am 4. Oktober, halten wir nochmals inne und feiern in unseren Kirchen Erntedank. Ein Feiertag des Glaubens. Beide Festtage haben miteinander zu tun.

»Gott sei Dank!«

Der 3. Oktober 1990 – von da an als »Tag der deutschen Einheit« gesetzlicher Feiertag – hat seinen Ursprung am 9. Oktober 1989 mit dem Beginn der »Friedlichen Revolution«. Dem waren über eine geraume Zeit wiederum die Friedensgebete und Montagsdemonstrationen in Leipzig vorausgegangen. Mit dem Glauben und dem Mut dieser Menschen in der DDR hatte alles begonnen. Das Schlimmste hätte geschehen können, aber es blieb friedlich am 9. Oktober und in der Folgezeit. Eine friedliche Revolution. Die einen haben niemanden aufgehängt, die anderen haben nicht geschossen. Welch ein Wunder! Was für ein Geschenk! Gott sei Dank!

Wie die noch anstehenden Aufgaben gelingen

Vieles ist gelungen beim »Auspacken« dieses wunderbaren Geschenks. Viel ist geschehen, und es ist in den zurückliegenden drei Jahrzehnten vielfach zusammengewachsen, was zusammengehört. Gott sei Dank!
Nicht alles ist geglückt – das müssen wir ehrlich eingestehen. Versprechen wurden nicht eingehalten, Hoffnungen wurden enttäuscht. Bis heute gibt es Vereinigungs-Gewinner und Vereinigungs-Verlierer. Noch ist viel zu tun, aufzuarbeiten und gemeinsam zu lernen. Dennoch! Wenn der Ausgangspunkt dafür das »Gott sei Dank!« ist – tief überzeugt oder trotzig suchend gesprochen –, werden die noch vor uns liegenden Aufgaben besser gelingen.

Verantwortung wahrnehmen als Ausdruck des Dankes

Was vor dreißig Jahren mit den Friedensgebeten in der Leipziger Nikolaikirche und vielen anderen Kirchen und Gemeindehäusern begann, darf heute nicht enden in dumpfen, oft aggressiven »Wir-sind-das-Volk«-Rufen! Diese haben mit dem eindringlichen Ruf zur Veränderung von damals nichts gemein und ziehen letztlich die friedliche Revolution in den Schmutz. Unsere Dankbarkeit wird sich auch darin erweisen, dass wir die Verantwortung erkennen und annehmen, die aus dem wunderbaren Geschenk der Wiedervereinigung für uns in Deutschland erwächst: Es gilt, gemeinsam den Parolen zu widersprechen, die das Gegeneinander befördern und die Spaltung unserer Gesellschaft provozieren. Es gilt, gemeinsam den Stimmen, die lautstark und massiv Ausgrenzung und Abschottung fordern, den Nährboden zu entziehen. Es gilt, menschenverachtendem und gewaltbereitem Reden und Handeln gemeinsam zu widerstehen. Auch darin zeigt sich unser Dank.

Möge uns Gottes Segen anleiten und befähigen, immer wieder über uns selbst hinauszublicken und respektvoll mit anderen Menschen umzugehen – in unserer Gesellschaft und in unserer Kirche.

Dankbare und herzliche Glückwünsche und Segensgrüße zum dreißigsten Geburtstag!

Harald Rückert
Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche für Deutschland

Bildnachweis: Klaus Ulrich Ruof, EmK-Öffentlichkeitsarbeit


Der Autor
Harald Rückert ist als Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche für das Gebiet der Zentralkonferenz Deutschland zuständig. Dazu gehören die Norddeutsche Konferenz, die Ostdeutsche Konferenz und die Süddeutsch Konferenz. Der Dienstsitz ist in Frankfurt am Main. Kontakt über: oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de.