Grafik ist bis heute dem Wandel der Zeit unterworfen. Davon sind Kirchenzeitungen wie die »Friedensglocke« nicht ausgenommen.

Grafik ist bis heute dem Wandel der Zeit unterworfen. Davon sind Kirchenzeitungen wie die »Friedensglocke« nicht ausgenommen.

Kein typisches Ostprodukt

Das Nach-Läuten der »Friedensglocke«

Im Januar 1894 erschien die erste Ausgabe der »Friedensglocke« und vor dreißig Jahren die letzte. Ein Blick zurück auf die Vorläuferin von »unterwegs«.

Ohne die Montagsdemonstrationen von 1989 gäbe es kein »unterwegs«. Möglicherweise würden noch zwei getrennte Kirchenschriften gedruckt. »Wort und Weg« in der BRD, die »Friedensglocke « in der DDR. Wir erinnern an eine Publikation, die vielen Methodisten nach wie vor ein Begriff ist. Ihr erstmaliges Erscheinen im Gebiet der Ostdeutschen Konferenz jährte sich im zu Ende gegangenen Jahr 2020 zum siebzigsten Mal.

Ein Ringen um jede Ausgabe

Wer denkt, dass die »Friedensglocke« ein ebenso typisches Ostprodukt wie Rotkäppchensekt, Florenacreme oder ein Diamant-Fahrrad ist, der sitzt einem Irrtum auf. Die Zeitung ist viel älter als gemeinhin angenommen. Sie erschien als Fortsetzung des »Monatlichen Botschafters« der Bischöflichen Methodistenkirche erstmalig am 13. Januar 1894 in Bremen. Im Laufe der Jahre entwickelte sich das Traktatblatt zur Kirchenzeitschrift, die jenseits und diesseits der innerdeutschen Grenze die Menschen erreichte.

Mit den Nachkriegsjahren begann die Herausgabe schwierig zu werden. Zwei getrennte deutsche Staaten, zwei unterschiedliche Systeme und eine gesamtdeutsche Publikation? Unmöglich. Während im Westen des geteilten Deutschlands Pressefreiheit im Grundgesetz verankert ist, ringen die Macher der »Friedensglocke« um jede Ausgabe.

Kritik am erzgebirgischen Dialekt

Die ersten Jahre sind ein Kraftakt. Papier ist knapp, man muss Vorratswirtschaft betreiben. Nur mit Reserven aus der Altpapiersammlung ist eine Auflagenerhöhung um 2.000 Stück möglich. Begleitet wird das Ganze durch ein zähes Hin und Her mit dem Ministerium für Post- und Fernmeldewesen – vom Wohl und Wehe der Behörde hängt der Druck von 10.000 »Friedensglocken« ab. Als 1955 eine staatliche Verordnung den Einzelbezug vorgibt, klemmt die Zustellung: »Einige Male ist es vorgekommen, dass die vom Harfe-Verlag ausgelieferten ›Friedensglocken‹ beim Postamt Bad Blankenburg liegengeblieben sind. ... Die Postämter verfahren allerdings zuweilen sehr selbstherrlich. Man nimmt Abbestellungen vor, einfach weil der Bezieher am Tag der Einkassierung … nicht daheim war. … Es ist daher laufend nötig, vorstellig zu werden, um solche Unebenheiten auszugleichen. In Folge der Überbelastung der Postboten lässt sich manches erklären, was die Auslieferung gelegentlich verzögert.«

Parallel zu diesem Hürdenlauf menschelt es in der Redaktion. Auf schriftlichem Wege erreicht den Schriftleiter die Kritik seines Kollegen, der schreibt: »Der Weihnachtsartikel in erzgebirgischer Mundart mußte naturgemäß verschieden beurteilt werden ... Sonst bin ich eben nicht für den erzgebirgischen Dialekt. Das mag damit zusammenhängen, daß ich während meiner Zeit in Norddeutschland vernichtende Urteile über diesen Dialekt hörte.« Trotz der Malaise entwickelt sich aus dem Evangelisationsblatt ein anerkanntes Medium, das nicht nur EmK-intern wirkt.

Geschichten aus dem Leben für das Leben

Karl Hans Pollmer, Gerhard Rögner und Werner Knauer prägen maßgeblich die »Friedensglocke«. Pollmer ist nicht nur Theologe und Gemeindepastor, sondern auch Mundartdichter und Heimatforscher. Zeilen aus seinem Nachruf beschreiben ihn und sein Arbeiten treffend. »Bis an die letzten Tage seines Lebens saß er am Schreibtisch. Von ihm aus predigte er viele Jahrzehnte auf eine besondere Weise. Es waren keine geschraubten theologischen Arbeiten, die er schuf, sondern Geschichten aus dem Leben für das Leben. Er wollte auf die kleinen Dinge des Lebens hinweisen, die unser ganzes Leben umschließen. In ihnen war auch immer ein Hauch Ewigkeit zu spüren.«

Karl Hans Pollmer veröffentlicht mehr als zwanzig eigene Bücher, schreibt zahlreiche Aufsätze über seine Heimat und ist Autor von Kalenderbeiträgen und Textsammlungen. Seine lokale Verortung hat ihn (vermutlich) zu Artikeln, wie zum Beispiel »Kleine Kirchengeschichte im Erzgebirge« inspiriert. Gleichwohl etabliert er große Themen: Kirchenvereinigung 1968, Ökumene, Weltfrieden, Alkoholsucht, Kinderwunschpille und ebenfalls die Blutwurstfrage.

Prediger mit Pinsel und Zeichenstift

Anfang der 1960er-Jahre bereichert der Grafiker Werner Knauer die »Friedensglocke«. Im Kontext dieser Zeit betrachtet, macht die Kirche in der DDR damit aus der Not eine Tugend. Denn Knauers Schaffen passt nicht zur Ideologie des Staates und den Vorgaben der DDR-Kulturpolitik. Diese Diskrepanz gipfelt 1961 im Ausschluss vom Verband Bildender Künstler. Seine Existenz ist bedroht. Freies Arbeiten in der DDR? Unmöglich.

Etwa zeitgleich sieht die Kirche den Bedarf, zeitgemäßer nach außen aufzutreten. Knauer wird im extra geschaffenen »Amt für Gemeindedienst « hauptamtlich angestellt. Die »Friedensglocke« profitiert davon. Denn sein Stil ist unverkennbar, sein Oeuvre beachtlich: Lithografien, Bilderzyklen, Plakate, Wandbilder, Sgraffitos, Glasfenster, Entwürfe für sakrale Gegenstände. Retrospektiv beschreibt man ihn so: »Er war ein Prediger, einer mit Pinsel und Zeichenstift. Er war kein Mann vieler Worte und liebte nicht, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Still und bescheiden war er in seinem Lebensstil, klar und unübersehbar in seinen künstlerischen Ausdrucksformen … selbst die kleine Form in der kirchlichen Gebrauchsgrafik mußte für ihn noch den künstlerischen Kriterien entsprechen. « Werner Knauer gab und gibt der Ostdeutschen Konferenz ihr Gesicht.

Blick über den Tellerrand

Gerhard Rögner übernimmt 1965 das Amt der Schriftleitung, führt als Chefredakteur die »Friedensglocke« bis 1991. In seiner Amtszeit wird die »Friedensglocke « bunter. Außen wie innen. Er fördert den Blick über den methodistischen Tellerrand, thematisiert die Arbeit der UNO, berichtet zum Beispiel von der X. Kunstausstellung der DDR in Dresden.

Rögner führt die Kirchenzeitung durch bewegte Jahre, umschifft so manche staatliche Restriktion, ringt mit Mangelwirtschaft und Pressezensur. »In zäher Kleinarbeit hat er die Publikationsmöglichkeiten erweitert. Zur ›Friedensglocke‹ kam ein ›Amtsblatt‹ für die Mitarbeiter hinzu, und die englischsprachigen ›Methodist News‹ pflegten die Kontakte zum weltweiten Methodismus.« Nach 39 Jahren »Friedensglocke« in der DDR fällt die Mauer. Für die Redaktion heißt das, verstärkt gesamtdeutsche Informationen in den Fokus zu setzen und den Umbruch zu begleiten. Das bedeutet auch, den letzten Leitartikel zu schreiben.

Vor dreißig Jahren, am 22. September 1991 enden 97 Jahre »Friedensglocke « – 41 davon trugen die Handschrift von Pollmer, Knauer und Rögner. Wenn das kein Grund für ein Halleluja ist!

Bildnachweis: Faksimile verschiedener Titelgestaltungen der »Friedensglocke«
Dieser Artikel ist dem zweiwöchentlich erscheinenden EmK-Magazin »unterwegs« der Evangelisch-methodistischen Kirche – Nummer 25+26/2020 vom 6. Dezember 2020 – entnommen.


Die Autorin
Beatrix Junghans-Gläser ist Journalistin und lebt in Lößnitz im Erzgebirge. Kontakt über: oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de.