Dreiundzwanzig Jahre lang war Dr. Roland Gebauer Professor für Neues Testament an der Theologische Hochschule Reutlingen. Am 22. Juli hielt er seine Abschiedsvorlesung.

Dreiundzwanzig Jahre lang war Dr. Roland Gebauer Professor für Neues Testament an der Theologische Hochschule Reutlingen. Am 22. Juli hielt er seine Abschiedsvorlesung.

Theologische Hochschule Reutlingen

Mit Paulus die Mittelposition einnehmen

Roland Gebauer hielt seine Abschlussvorlesung als Professor für Neues Testament. Ein Konfessionskundler fasst seine Eindrücke zusammen.

Lothar Triebel ist Pfarrer der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und hat in Judaistik promoviert. Seit 2018 ist er am Konfessionskundlichen Institut, einem ökumenewissenschaftlichen Arbeitswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland, im südhessischen Bensheim für das Fachreferat Freikirchen zuständig. Zu dieser Aufgabe gehören Kontaktpflege und Begegnungen mit Vertretern, Gremien und Einrichtungen der Freikirchen, um Entwicklungen in den Freikirchen und der innerprotestantischen Ökumene zu beobachten. In dieser Rolle und aus Interesse an der zwischenkirchlichen Thematik verfolgte er die Abschlussvorlesung von Professor Roland Gebauer. Hier sein Bericht.

Mit einem ökumenepolitisch akzentuierten exegetischen Vortrag ist der aktive Dienst von Roland Gebauer zu Ende gegangen. Dreiundzwanzig Jahre lang war er Professor für Neues Testament an der Theologischen Hochschule Reutlingen (THR) der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK). Am Donnerstag der zurückliegenden Woche, dem 22. Juli, hielt der scheidende Neutestamentler und Rektor der Hochschule seine Abschiedsvorlesung. Thema war die Interpretation der paulinischen Taufaussagen unter dem Titel »Gerechtigkeit als Christusförmigkeit – Zur Heilsbedeutung der Taufe beim Apostel Paulus«.

Die Formung der christlichen Existenz

Schon in seiner Einleitung verwies Gebauer auf ökumenische Zusammenhänge, indem er auf die gemeinsame Tagung von Evangelischer Kirche in Deutschland (EKD) und Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) zum Thema Taufe hinwies. Gebauer, der sich einstens schon in Dissertation und Habilitationsschrift Paulus gewidmet hatte, interpretierte die paulinischen Aussagen insbesondere in Römer 6, aber auch in 1. Korinther 12 und 15 sowie in Galater 3 und anderen Stellen dahingehend, dass zwar nicht die Heilszueignung, aber die Formung der christlichen Existenz in der Taufe geschehe. Er kontrastierte das historisch-kritisch mit der Weiterentwicklung paulinischer Theologie im Kolosserbrief.

In seinen Schlussworten positionierte er die paulinische Tauftheologie ausdrücklich in der Mitte zwischen Auffassungen jener Freikirchen, die die Heilsbedeutung allein dem Glauben zusprechen, und der Sichtweise insbesondere der in Deutschland großen Kirchen, die (sakramental) die Taufe für den Ort der Heilsvermittlung halten. Letzteres werde auch in der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre ausgesagt. Diese ursprünglich von römisch-katholischen und lutherischen Theologen erarbeitete und 1999 aufgrund von Unterzeichnung einer »Gemeinsamen Offiziellen Feststellung« durch Vertreter des Lutherischen Weltbunds und der Römisch-katholischen Kirche angenommene Erklärung ist im Jahr 2006 auch vom Weltrat methodistischer Kirchen ratifiziert worden.

Nochmal ganz neu auf Paulus hören

Man konnte den Eindruck haben, Gebauer wolle seine Kirche, die einerseits 1926 mit ihren Vorläuferorganisationen zu den Gründungsmitgliedern der Vereinigung Evangelischer Freikirchen gehörte, andererseits seit 1987 in Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft mit der EKD steht, theologisch in Anschluss an Paulus in die Mitte dieser Kirchen bzw. Kirchenbünde rücken. Jedenfalls kam Gebauer am Ende auf die Gespräche zwischen VEF und EKD zurück und schloss seinen Vortrag mit den Worten: »Wenn es zu einer breiteren ökumenischen Verständigung und einer Annäherung hinsichtlich der Taufe kommen soll, wie es für den evangelischen Bereich in Deutschland … ja begonnen worden ist, wenn das angestrebt wird, dann könnte die Beobachtung der Mittelposition bei Paulus hilfreich sein, wie ich sie aufzuzeigen versucht habe.«

Für alle Seiten bedeute das, »nochmal ganz neu auf Paulus zu hören, und zwar unabhängig, möglichst unabhängig, von allen, und das ist die Schwierigkeit, von allen traditionell mitgebrachten Taufüberzeugungen«. Die gemeinsame Mitte könne dann »die Christusförmigkeit des Heils sein, jenes Heils der Rechtfertigung, das im Glauben empfangen wird, aber in der Taufe seine entscheidende Formung, seine Prägung erhält«. Die Taufe, so Gebauer weiter, wäre dann zwar »nicht das Sakrament der grundlegenden Heilszueignung, sehr wohl aber das seiner charakteristischen Prägung, ohne die das Heil Gottes nicht das wäre, was es ist, nämlich Leben in der Gemeinschaft mit Gott im Geprägtsein der Existenz vom Gestorbensein mit Christus und neuem Leben in Christus«.

Bildnachweis: THR (Grafik), Susanne Meister (Foto)


Der Autor

Dr. Lothar Triebel ist Pfarrer der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Im Konfessionskundlichen Institut Bensheim ist er seit 2018 zuständig für das Fachreferat Freikirchen, in dem Entwicklungen in den Freikirchen und der innerprotestantischen Ökumene auf nationaler und internationaler Ebene beobachtet werden. Kontakt über: oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de

Weiterführende Links

Abschiedsvorlesung Prof. Dr. Roland Gebauer (Video)
Tagung von EKD und VEF zum Thema Taufe (epd-Dokumentation; PDF)

Zur Information

Der Festakt zur Stabübergabe in der Funktion des Rektors der Theologische Hochschule Reutlingen von Prof. Dr. habil. Roland Gebauer zu Prof. Christof Voigt findet am 22. November 2021 in Reutlingen statt.

Die Theologische Hochschule Reutlingen (THR) ist als Einrichtung der Evangelisch-methodistischen Kirche die international ausgerichtete Studienstätte des deutschsprachigen Methodismus in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie ist eine staatlich anerkannte Hochschule und verleiht die international anerkannten Studienabschlüsse Bachelor of Arts (B.A.) und Master of Arts (M.A.) in Theologie sowie einen staatlich anerkannten M.A. in »Christlicher Spiritualität«. Im Aufbau befindet sich der Studiengang »Soziale Arbeit und Diakonie«.
www.th-reutlingen.de