Ein unscheinbares Buchcover, dessen Inhalt es in sich hat. Ein Buch über Gebäude und Erinnerungsorte, an denen sich »die Vielfalt und Wirkungskraft methodistischer Frömmigkeit« erkennen lässt.

Ein unscheinbares Buchcover, dessen Inhalt es in sich hat. Ein Buch über Gebäude und Erinnerungsorte, an denen sich »die Vielfalt und Wirkungskraft methodistischer Frömmigkeit« erkennen lässt.

Ein Gebäude-Geschichtsbuch

Steine können nicht reden, aber viel erzählen

Über Gebäude und über Erinnerungsorte lässt sich die Geschichte einer Bewegung erschließen. Davon ist der Historiker Michael Wetzel überzeugt.

Ein gerade erschienenes Buch präsentiert »Historische Stätten des Methodismus in Deutschland, Österreich und der Schweiz« – so der Titel des von Michael Wetzel herausgegebenen Buches. Wenn es um Geschichte geht, vermuten viele eine »trockene Materie«. Einer der Erstleser, Harald Rückert, der für Deutschland zuständige Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK), findet jedoch zahlreiche neugierig machende Einstiegsmöglichkeiten. Beispielsweise »die heutige Hotelnutzung einer ehemaligen Kirche« oder die Bezeichnung eines Anwesens als »Inbegriff der Scheußlichkeit«. Auch die überraschende Zuschreibung für die Erscheinungsweise eines Gebäudes mit »hat was von New York« sei eine von vielen Formulierungen, die zum Lesen animierten. Ein Buch also, das, so der Bischof, »einfach auch interessant zum Blättern und Schmökern« ist.

Britische Methodisten gaben den Anstoß

Die Idee zum Buch entstand 2015, wie Michael Wetzel berichtet. Bei einer internationalen Tagung der Britischen Methodisten erhielt der promovierte Historiker deren »Methodist Heritage Handbook« geschenkt, also ein Handbuch, in dem das geschichtliche Erbe der Kirche dokumentiert ist. Die darin, wie auch in vielen anderen Regionen des Methodismus erkennbare Achtung des geschichtlichen Erbes berührte den heute als EmK-Pastor im erzgebirgischen Lößnitz arbeitenden Leiter der Studiengemeinschaft für Geschichte der EmK. Vielerorts fänden sich Plaketten oder Informationstafeln an Gebäuden. Im deutschsprachigen Raum vermisst Wetzel ein solches Bewusstsein für historische Stätten bei den Methodisten »und das, obwohl wir uns da eigentlich nicht verstecken brauchen«.

Vielfalt und Wirkungskraft methodistischer Frömmigkeit entdecken

Aus der Idee, verbunden mit der Sehnsucht stärkerer Achtung geschichtlichen Werdens einer Bewegung, entstand zusammen mit dem Beirat der Studiengemeinschaft die Systematik für eine Veröffentlichung. Mit den Beiratsmitgliedern aus Österreich und der Schweiz habe sich der Blick gleich für eine größere geografische Berücksichtigung ergeben. »Eventuell lässt sich das Ganze in einem zweiten Schritt auch irgendwann einmal auf ganz Kontinentaleuropa ausdehnen«, denkt Wetzel schon weiter.

Mit dem Buch verbinde Wetzel die Hoffnung, dass über Bausubstanz und Erinnerungsorte »die Vielfalt und Wirkungskraft methodistischer Frömmigkeit erkannt wird«. Auch »ein Buch gegen das Vergessen« sei das gerade erschienene Werk. Denn, wie jede Bewegung, habe auch der Methodismus »manch blühende Gemeinde verloren und manch geschichtsträchtiges Gotteshaus aufgeben müssen«. Steine könnten da »im positiven wie im schmerzlichen Sinne zwar nicht reden, aber viel erzählen«, womit Wetzel eine Formulierung aus dem Geleitwort des Bischofs aufgreift.

Kirche neu entdecken und Orte besuchen

Insgesamt haben mehr als vierzig Personen an dem Buch mitgewirkt und alle methodistischen Traditionen und alle Regionen im aktuellen und ehemaligen deutschsprachigen Mitteleuropa berücksichtigt. Trotzdem, so Wetzel, fehle manches wie beispielsweise das Predigerseminar in Frankfurt am Main, »weil eben niemand als Autor gefunden werden konnte«. Jetzt wünscht sich der passionierte Historiker, »dass Menschen nicht nur beim Lesen ihre Kirche neu entdecken, sondern vielleicht die vorgestellten Orte und Gemeinden einmal besuchen«.

Wenn darüber hinaus auch ein Verständnis dafür wachse, wie Architektur und Kirchenbau oder auch der Verzicht auf Gebäude die methodistische Mission geprägt hat und wie Bauformen auch Glaubensinhalte und Lebenssituationen offenbaren, wäre er glücklich. So würde Geschichte eben »doch nicht trocken, sondern plastisch, greifbar, sichtbar, erlebbar - eben auch in Erinnerungsorten«. Im Gespräch mit Wetzel wird Geschichte lebendig. Das Buch als Reiseleiter, Erinnerungshelfer und Verständniswecker scheint eine Investition wert zu sein, denn der Preis ist – wie oft bei solchen Nischen-Werken – nicht gerade günstig.

Bildnachweis: Evangelische Verlagsanstalt Leipzig (Buchcover); Klaus Ulrich Ruof (Wetzel)


Der Autor

Klaus Ulrich Ruof ist Referent für Öffentlichkeitsarbeit und Pressesprecher für die Evangelisch-methodistische Kirche in Deutschland mit Sitz in Frankfurt am Main. Kontakt: oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de

Weiterführende Links

Wikipedia-Artikel über Michael Wetzel

Zur Information

Michael Wetzel (Hrsg.)
Historische Stätten des Methodismus in Deutschland, Österreich und der Schweiz
272 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-374-06852-4, 68 Euro

Studiengemeinschaft für Geschichte der EmK
Der »Verein für Geschichte des Methodismus« wurde 1927 gegründet. Als »Studiengemeinschaft« wurde der Verein 1960 mit dem Ziel der »Förderung und Vertiefung wissenschaftlicher Erkenntnisse zum Methodismus« neu belebt. Seither hat die Studiengemeinschaft durch Sammlung, Sichtung und Registrierung von Quellenmaterial maßgeblich den Auf- und Ausbau des Zentralarchivs der Evangelisch-methodistischen Kirche in Reutlingen unterstützt. Außerdem hat sie kontinuierlich über die historischen Wurzeln der Evangelisch-methodistischen Kirche sowie die Zusammenhänge zwischen kirchlicher Arbeit und gesellschaftlichem Umfeld in ihren Publikationen informiert. Sie versucht, die Geschichtsforschung durch zeitgemäße Fragestellungen zu aktualisieren, ihre Bedeutung für die heutigen Menschen erkennbar zu machen und so zur Identität der Evangelisch-methodistischen Kirche beizutragen.
www.emk-studiengemeinschaft.de/
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