Was das Stichwort »Jude« spontan auslöst, zeigt diese »Wortwolke«. Entstanden in einer Umfrage unter den Teilnehmern des »Studientags Antisemitismus«.

Was das Stichwort »Jude« spontan auslöst, zeigt diese »Wortwolke«. Entstanden in einer Umfrage unter den Teilnehmern des »Studientags Antisemitismus«.

Diskussion muss weitergehen

Wahrnehmen, benennen, handeln!

Ein »antisemitisches Grundrauschen« zeigt, wie nötig die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus ist. Damit beschäftigte sich ein Studientag.

Antisemitismus, das machte der »Studientag Antisemitismus« deutlich, ist kein Phänomen, das auf rechten oder linken Extremismus oder auf Verschwörungsanfällige beschränkt ist. Es gibt ein »antisemitisches Grundrauschen« in der Gesellschaft. Nicht einmal jüdisch muss man sein, um Ziel von Antisemitismus zu werden, wie das Graffiti »Merkel ist Jüdin« gegenüber einer Stuttgarter Kirche vom April 2020 beweist. Was aber genau Antisemitismus ist, wo er im Alltag begegnet und was sich dagegen tun lässt, waren die Fragen, zu denen Vorträge, Workshops und eine Podiumsdiskussion im Rahmen des Studientags Antworten geben sollten. Sechzig Personen aus dem Raum der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) in Deutschland und der Schweiz nahmen am vergangenen Samstag, dem 24. April, an der per Internet übertragenen Veranstaltung teil.

Verachtung der Juden hat eine lange Geschichte

Jochen Maurer, Pfarrer für das Gespräch zwischen Christen und Juden von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, erklärte zunächst den Begriff Antisemitismus. Seit Ende des 19. Jahrhunderts stand dieser von Anfang an für Judenfeindlichkeit. Fast zweitausend Jahre lang äußerte sich diese als »Antijudaismus«, einer aus christlicher Motivation begründeten Feindschaft gegenüber Juden. Dieser auch im Neuen Testament zu findende Antijudaismus wurde zur Basis eines modernen, säkularen Antisemitismus, einer seit dem 19. Jahrhundert nationalistisch und rassistisch begründeten Judenfeindschaft.

Die »Internationale Allianz zum Holocaustgedenken« (International Holocaust Remembrance Alliance, IHRA) wird in ihrer Definition konkreter: »Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort und Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen und religiöse Einrichtungen.«

Deshalb stellten sich die Fragen, was sich gegen Antisemitismus tun lässt, wo die eigenen blinden Flecken liegen und wo unreflektiert antisemitische Stereotype und Argumentationsmuster verwendet werden. Die Verachtung der Juden hat eine lange Geschichte auch in der Kirche und der christlichen Kunst. Deren Prägekraft sollte nicht unterschätzt werden.

»Unsere Koffer sind ausgepackt«

Trotz des Sabbats gaben zwei jüdische Studentinnen »Einblicke in jüdisches Leben in Deutschland heute«. Hannah Veiler, Vorsitzende der Jüdischen Studierendenunion Württemberg und neuerdings deren Vizepräsidentin auf Bundesebene, und Ruth Bostedt, Vizepräsidentin des Bundes Jüdischer Studierender Baden, zeigten nach einer kurzen Teilnehmerumfrage zum Thema Judentum Ausschnitte aus einem Film. »Masel Tov Cocktail« wirbelt die verbreiteten Klischees kraftvoll durcheinander. Mit der Präsentation verschiedener Organisationen machten sie zudem die Vielfalt und Buntheit jüdischen Lebens deutlich. Dazu gehörten »Meet a Jew« (Lerne einen Juden kennen) sowie die für einen jüdisch-muslimischen Dialog stehende Organisation »Schalom-Aleikum«.

Des Weiteren stellten sie eine Beratungsstelle für von antisemitischen Vorfällen Betroffene vor sowie eine Organisation für jüdische Queers, die Jüdische Studierendenunion oder den weltweiten Sportbund »Makkabi«. Den Studentinnen ging es darum, dem oft allein durch die Shoa geprägten düsteren Bild ein positives Selbstbild entgegenzusetzen. Die junge Generation, so ihre Botschaft, beteilige sich aktiv an der Gegenwartsgesellschaft. »Unsere Koffer sind ausgepackt, wir fühlen uns deutsch oder europäisch.« Ein erhellender, sympathischer und mutmachender Einblick.

Perspektivwechsel hilft zum Verstehen

Über »Was tun gegen Alltags-Antisemitismus heute« sprach Sybille Hoffmann. Sie ist als Lehrerin tätig im Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung sowie an der Landeszentrale für politische Bildung und sitzt im Beraterkreis des Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung. Sie berichtete, wie in Schulen das »Nie wieder« pädagogisch und vorbeugend reflektiert werde. Dabei komme es durchaus vor, dass Alltagsantisemitismus auch von Pädagogen kleingeredet werde. Oder es werde erklärt, dass das »damals« und »durch Andere« passiert sei.

Jedoch beginne Antisemitismus schon in solchen Erklärungsmustern. Vieles sei dabei zwar noch nicht antisemitisch, aber es müsse die Frage gestellt werden: »Fängt es hiermit an?« Antisemitisch sei schon die Verwendung von Stereotypen wie die Zuschreibung von Einfluss, Macht und Reichtum oder die Dämonisierung des Staates Israel. Damit würden für komplexe Probleme einfache Antworten gegeben und bestimmten Menschen werde Schuld zugeschrieben.

Antisemitismus sei daher keine »Meinung«, auch kein interreligiöser oder interkultureller Konflikt, sondern oft eine Straftat! Deshalb sei Elie Wiesel zuzustimmen: »Neutralität hilft dem Unterdrücker, nie dem Opfer! Stillschweigen bestärkt den Peiniger, nie den Gepeinigten!« Da der Antisemitismus von Nichtjuden oft gar nicht bemerkt werde, sollten nichtjüdische Menschen einmal die Perspektive wechseln und sich die Frage stellen, wie es sich anfühlen würde, wenn Gottesdienst nur unter Polizeischutz möglich wäre. Dann könnten sie eher Antisemitismus wahrnehmen und benennen, um dann entsprechend zu handeln.

Die Fortsetzung der Diskussionen ist nötig

In Workshops kam die Bandbreite des Themas zur Sprache. Unter anderem ging es um die strittige Unterscheidung von Israelkritik und Antisemitismus im Workshop des Politik- und Religionswissenschaftlers Josef Herbasch. Legitime Kritik am Staat Israel sei von ideologisch veranlasster Kritik zu unterscheiden. Nicht selten sehe sich der Staat Israel mit dem Vorwurf der Apartheid konfrontiert. Einige Workshop-Teilnehmer hielten diesen Vorwurf für bedenkenswert, andere wiesen das entscheiden zurück. Offen blieb schließlich die Frage, warum in westlichen Ländern offensichtlich ein Bedürfnis bestehe, ausgerechnet Israel kritisieren zu wollen.

Um die Frage nach dem Antisemitismus in der Bibelauslegung ging es im Workshop des Professors für Altes Testament und Biblische Theologie, Jörg Barthel. Über Jahrhunderte habe Antisemitismus die Bibelauslegung geprägt. Das ändere sich seit einigen Jahrzehnten erfreulicherweise, jedoch sei diese Entwicklung noch nicht beendet.

In einer abschließenden Runde wurden noch einmal verschiedene Facetten des Themas angestoßen. Beispielsweise ging es um die geforderte Umbenennung der Tübinger Eberhard-Karls-Universität, deren erster Namensgeber mit Antisemitismus in Verbindung gebracht wird, sowie um die erst im vergangenen Monat vorgelegte umstrittene »Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus«. Die Beiträge zeigten, dass viele Fragen offen sind und das Thema auf der Tagesordnung bleibt. Eine Fortsetzung der Diskussionen ist nötig und dringend gewünscht.

Bildnachweis: EmK-Bildungswerk


Die Autorin

Dr. Ulrike Voigt ist Germanistin, Theologin und selbständige Verlagslektorin. Kontakt über: oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de

Zur Information

Der »Studientag Antisemitismus« war eine gemeinsame Veranstaltung der Theologischen Hochschule Reutlingen (THR), des Ausschusses für ökumenische Beziehungen der Süddeutschen Konferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) sowie des Bildungswerks und des Kinder- und Jugendwerks der Süddeutschen Konferenz. Gefördert wurde der Studientag von der Landeszentrale für politische Bildung in Stuttgart.