Mit Phantasie lassen sich für Gottesdienste und andere Orte die Hygieneregeln gestalten. Der Umgang »mit Corona« im Blick auf das eigene Leben fordert mehr. Der Glaube bietet Halt.

Mit Phantasie lassen sich für Gottesdienste und andere Orte die Hygieneregeln gestalten. Der Umgang »mit Corona« im Blick auf das eigene Leben fordert mehr. Der Glaube bietet Halt.

Über das Leben nachdenken

Wie steht es um den Glauben in den Zeiten von Corona?

Die Corona-Pandemie zerrt an den Nerven. Wir müssen mit Gefahren leben – und leben vom Vertrauen in Gott, sagt Walter Klaiber in einem Artikel des Kirchenmagazins »unterwegs«.

In diesen Tagen kommt mir oft der Titel eines Romans von Gabriel García Márquez in den Sinn. Er heißt: »Die Liebe in den Zeiten der Cholera«. Beim Nachlesen habe ich freilich entdeckt: In dem Buch ist viel von Liebe die Rede und relativ wenig von der Cholera. Wenn es um den Glauben geht, dann ist es heute eher umgekehrt: Das Thema Corona beherrscht alles; vom Glauben ist nur selten die Rede. Von fünfzehn Leuten, die in der »Tübinger Zeitung« gefragt wurden, was ihnen in schwierigen Situationen Halt gibt, erwähnte nur eine Frau ihren Glauben an Gott! Wie steht es um den Glauben in den Zeiten von Corona, und was hat er zu dem, was wir erleben, zu sagen?

Vielen wird es gehen wie mir: Die neue Welle wirkt durch ihre Intensität, ihre Dauer und das Auftreten neuer Mutationen viel unheimlicher als die erste. Dabei sind wir mit einem doppelten Problem konfrontiert: Da ist die Krankheit und ihre Auswirkungen, und da sind die Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung mit ihren teilweise dramatischen Folgen. Irritierend ist auch, wie wenig sich die Wissenschaftler einig zu sein scheinen, was der richtige Weg ist. Viele von uns treibt auch die Frage um: Wie werden unsere Gemeinden die lange Zeit der Abstinenz von persönlicher Begegnung in Gottesdienst und Gemeindegruppen überstehen?

Über das eigene Leben nachdenken

Das alles ruft nach einer geistlichen Verarbeitung des Geschehens. Neben der Einschätzung als Strafe Gottes oder Zeichen der Endzeit steht nicht selten die Frage: Warum lässt Gott das zu? Allerdings wird sie oft von Leuten gestellt, die sich sonst nicht so sehr um Gott kümmern. Das erinnert ein wenig an die Haltung von Teenagern, die von ihren Eltern erwarten, dass sie ihnen jede Freiheit gewähren und doch helfend zur Stelle sind, wenn es gefährlich wird.

Mir hilft hier ein Wort Jesu. Er hat es im Blick auf ein Unglück gesagt, das sich in Jerusalem ereignet hat. Beim Teich von Siloah war ein Turm eingestürzt und hatte achtzehn Menschen unter sich begraben. Und es gab wohl Leute, die meinten, ihr plötzlicher Tod müsse eine Strafe Gottes sein. Jesus aber fragt: »Meint ihr wirklich, dass sie größere Schuld auf sich geladen hatten als alle anderen Einwohner von Jerusalem? Bestimmt nicht!« Doch er fragt auch nicht, was die wirkliche Ursache war – vielleicht Pfusch am Bau –, und plädiert für strengere Bauvorschriften. Er sieht darin ein Signal, über das eigene Leben nachzudenken: »Das sage ich euch: Ihr werdet alle genauso umkommen, wenn ihr nicht umkehrt« (Lukas 13,4f).

Jesus sagt also nicht, warum Gott das Unglück zugelassen hat, und erst recht nicht, dass Gott den Turm einstürzen ließ, um zur Umkehr zu mahnen. Aber dass es geschah, wird zum Impuls zu fragen: Wohin führt mein Leben? und entschlossen umzukehren, wenn es nicht auf Gott und seinen Willen ausgerichtet ist. »Genauso umkommen«, meint sicher nicht, auch von einem umstürzenden Turm erschlagen zu werden, sondern weist auf die Gefahr, unvorbereitet und ohne Halt bei Gott aus dem Leben gerissen zu werden.

Mit Gefahren leben

Das Lukasevangelium beschreibt einen lokalen Unfall, aber Jesu Wort wirft auch Licht auf eine globale Pandemie. Leben in dieser Welt bedeutet nie absolute Sicherheit. Wo man absolute Sicherheit sucht – etwa mit entsprechend restriktiven Vorschriften –, da droht das Leben zu ersticken. Wir müssen mit Gefahren leben. Meist sind sie überschaubar, aber manchmal wirken sie fast übermächtig bedrohlich. Zum Leben gehört auch, dass wir Gefahren erkennen und etwas gegen sie tun können. Aber zugleich steckt darin der Aufruf zu prüfen, worauf wir unser Leben bauen und was uns wichtig ist. Das heißt nicht, dass Gott solche Bedrohungen schafft, um uns zur Umkehr zu bewegen. Aber dass sie Teil seiner Schöpfung sind, wird zum Impuls, das Leben zu überdenken und – wenn nötig – zu ändern. Das empfinden heute viele als Zumutung.

Der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann spricht in diesem Zusammenhang von einer »gekränkten Gesellschaft« – »gekränkt«, weil unser zu Überheblichkeit neigendes Selbstwertgefühl durch die Bedrohung durch eine nicht sofort beherrschbare Gefahr erheblich verletzt wird. Doch im Sinn Jesu wäre es, gerade diese Herausforderung anzunehmen und sich bewusst zu machen: Wir sind nicht die Herrscher des Universums und stehen nicht über allen Gefahren. Nicht die Machbarkeit aller Dinge ist Fundament unseres Lebens, sondern seine Verwurzelung in Gott. Das könnte dann auch helfen, in der Bekämpfung der Pandemie weniger ungeduldig und im Streit um die richtigen Maßnahmen weniger aggressiv zu sein und auch im Verhältnis untereinander zu erkennen, worauf es wirklich ankommt. Dass viele der neuen gefährlichen Viruserkrankungen durch das Überspringen der Tier- Mensch-Schranke entstanden sind, sollte auch Anstoß zu einem Umdenken in unserem Verhältnis zur Natur sein.

  • Glaube in den Zeiten von Corona ist nicht ohne Fragen, Ängste und Zweifel. Aber er wendet sich mit all dem an Gott und birgt sich in ihm und seiner Liebe. Daraus erwächst eine Kraft des Vertrauens, wie sie Dietrich Bonhoeffer 1943 im Gefängnis beschrieben hat: »Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.«
  • Hoffnung in den Zeiten von Corona lebt von diesem Vertrauen. Sie vertraut darauf, dass wir den Gefahren nicht hilflos ausgeliefert sind. Dass so schnell wirksame Impfungen entwickelt wurden, sieht sie als Geschenk Gottes und nicht als Beweis dafür, dass wir mit Hilfe der Wissenschaft alles bewältigen können. Und in Zeiten, in denen von »Übersterblichkeit« gesprochen werden muss, wird die Hoffnung, dass für Gott und die Gemeinschaft mit ihm der Tod nicht die letzte Grenze ist, besonders wichtig.
  • Liebe in Zeiten von Corona bewährt sich durch einen langen Atem. An die Stelle kurzlebiger Aktionen tritt ein verlässliches Sich-umeinander-kümmern: Kontakte nicht aufgeben, sondern zuverlässig pflegen, sich den Blick dafür schenken lassen, was wir wirklich brauchen, und das für Andere leben. Wichtig ist auch, daran zu denken: Es gibt auch Menschen, die müssen ganz andere Schwierigkeiten bewältigen als Covid-19, und gerade sie nicht zu vergessen! Wenn wir das in unseren Gemeinden lernen, dann kann auch aus dieser schwierigen Zeit Gutes entstehen!

Dieser Artikel ist dem zweiwöchentlich erscheinenden EmK-Magazin »unterwegs« der Evangelisch-methodistischen Kirche – Nummer 4/2021 vom 14. Februar 2021 – entnommen.
Bildnachweis: Klaus Ulrich Ruof, EmK-Öffentlichkeitsarbeit


Der Autor
Dr. Walter Klaiber ist Altbischof der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland. Er lebt im Ruhestand in Tübingen. Kontakt über: oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de.