Reformationsjubiläum: »Gerecht und Sünder zugleich – ist das nicht normal?«

Reformationsjubiläum: »Gerecht und Sünder zugleich – ist das nicht normal?«

Reformationsjubiläum

Gerecht und Sünder zugleich

»Gerecht und Sünder zugleich – ist das nicht normal?«, werden viele fragen. Erleben wir Christenmenschen das nicht Tag für Tag? Wir glauben, dass wir durch Gottes Gnade gerechtfertigt sind, und handeln dennoch oft nicht nach Gottes Willen.

Das heißt: Wir sind immer auf Vergebung angewiesen. Wie aber ist das mit der Rechtfertigung?

Man könnte meinen, wenigstens darin seien sich die christlichen Kirchen einig. Deshalb wird es viele überraschen, dass es gerade hier große Meinungsverschiedenheiten gibt. Die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1999 drohte unter anderem deswegen zu scheitern, weil viele lutherische Theologen den Eindruck hatten, dass die katholische Kirche diesen Grundsatz nicht teilt. Was steckt dahinter?

Die lutherische Position

Für Luther war die Formel »gerecht und Sünder« zugleich (lateinisch: »simul iustus et peccator«) die Zusammenfassung dessen, was er als befreiende Botschaft der biblischen Rechtfertigungslehre entdeckte. Sie findet sich zuerst in der Römerbriefvorlesung von 1514/15, also schon vor dem Thesenanschlag von 1517. Für ihn drückt sich in ihr die tröstliche Erkenntnis aus: Wer an Christus glaubt, darf wissen: Durch ihn bin ich gerechtfertigt, auch wenn ich immer wieder sündige.

Im Laufe seines Wirkens hat Luther diese Aussage weiterentwickelt, allerdings mit zwei verschiedenen Akzenten: Einerseits beschreibt sie für ihn grundsätzlich, was das Leben der Christen lebenslang charakterisiert: Wenn sie auf sich selbst blicken, werden sie immer feststellen: Ich bin ein Sünder. Zugleich aber dürfen sie hoffen, dass sie gerade als Sünder durch Christus gerechtfertigt werden.

Andererseits aber sagt Luther auch, dass Christen in ihrem Kampf gegen die Sünde Fortschritte machen können. Aber nicht, was sie selbst an Gerechtigkeit verwirklichen, ist entscheidend, sondern allein die Gnade. Unsere Gerechtigkeit bleibt immer geschenkte Gerechtigkeit Christi.

Allerdings wird die Formel in keiner der lutherischen Bekenntnisschriften zitiert. Daher hat es Nicht- Lutheraner verwundert, dass gerade sie in der Diskussion um die Gemeinsame Erklärung zum Prüfstein der Rechtgläubigkeit wurde. Offen ist auch die Frage, inwieweit sich die Formel auf Paulus und seine Rechtfertigungslehre berufen kann.

Das neutestamentliche Zeugnis

Als neutestamentliche Grundlage für das Gerecht und Sünder zugleich galt lange das, was Paulus in Römer 7,7–25 sagt, vor allem Vers 25b: »So diene ich nun mit dem Verstand dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde.« Aber es waren gerade lutherische Theologen, die nachgewiesen haben, dass Paulus hier nicht von seiner Existenz als Christ spricht, sondern von seinem Leben unter dem Gesetz, wie er es im Rückblick sieht. Paulus kennt kein Gerecht und Sünder zugleich. Wer glaubt und getauft wird, ist von der Macht der Sünde befreit, auch wenn sie ihn immer noch bedroht.

Als neutestamentliche Grundlage für die Formel käme eher der 1. Johannesbrief in Frage. Hier heißt es in 1,8: »Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.« Dann aber lesen wir »Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht« beziehungsweise »Wer aus Gott geboren ist, der tut keine Sünde « (3,6.9). In welchem Verhältnis stehen diese Sätze zueinander? Der erste beschreibt die Realität, in der sich Christen vorfinden. Auch sie fallen immer wieder der Macht der Sünde zum Opfer. Das darf nicht geleugnet werden. Aber die anderen Sätze stellen fest, was grundsätzlich gilt: Christus hat die Macht der Sünde überwunden. Wer in ihm und mit ihm lebt, sündigt nicht.

Was Methodisten sagen

Hier setzt die Kritik John Wesleys an der lutherischen These ein. Er leugnet nicht, dass auch gläubige Christen immer wieder sündigen. Aber er möchte festhalten, dass die Gnade Gottes stärker ist als die Macht der Sünde. Das zeigt sich nicht nur darin, dass Gott immer wieder vergibt. Die Gnade schenkt auch die Kraft, nicht mehr zu sündigen. Christen müssen nicht sündigen – auch nicht, um vor der Gefahr der Selbstgerechtigkeit bewahrt zu bleiben.

Wesley nahm sogar an, dass es Christen gibt, denen es geschenkt ist, zumindest eine gewisse Zeit zu leben, ohne zu sündigen. Allerdings hat er dabei den Begriff der Sünde auf die willentlich begangene Übertretung des Gebotes Gottes begrenzt, eine problematische Verengung (und Verharmlosung) der Realität der Sünde. Aber im Zentrum seines Interesses stand nicht die Vermeidung der Sünde; darin läge die Gefahr frommer Selbstbespiegelung und eines religiösen Waschzwangs. Ihm ging es um die positive Aussage: Wenn ein Mensch ganz von der Liebe erfüllt ist, bleibt kein Raum mehr für die Sünde.

Wo ist man sich einig?

Dennoch haben die methodistischen Kirchen 2006 der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre zugestimmt und damit auch ein grundsätzliches Einverständnis mit der Aussage Gerecht und Sünder zugleich signalisiert. Sie haben dadurch nicht einfach die methodistische Position aufgegeben. Aber sie haben die theologische und seelsorgerliche Weisheit der lutherischen Formel anerkannt.

Das zeigen folgende Sätze der methodistischen Stellungnahme: »Selbst wenn unser ganzes Sein erfüllt ist von der Liebe Gottes, die in unsere Herzen ausgegossen worden ist durch den Heiligen Geist (Römer 5,5), wird dies immer Gottes Gabe bleiben und das Werk der Gnade Gottes und niemals unser menschliches Verdienst oder unsere menschliche Leistung. Die Hoffnung des Sieges über die Sünde, sollte uns nie dazu führen, die Gefahr des Rückfalls und der Möglichkeit, der Macht der Sünde zu verfallen, zu leugnen oder zu unterschätzen.«

Die Realität der Sünde, auch im Leben der Christen, anzuerkennen, ist wichtig. Unser Heil hängt nicht davon ab, ob wir sie mit Hilfe der Gnade überwinden. Aber wir sind ihrer Macht nicht ausgeliefert und dürfen darauf hoffen, dass die Kraft der Liebe stärker ist als die der Sünde.

Die lutherische Position ist sehr schön in zwei Strophen ausgedrückt, die Christian Gregor dem Lied »Christi Blut und Gerechtigkeit « hinzugefügt hat: »Und würd ich durch des Herrn Verdienst auch noch so treu in seinem Dienst, gewönn den Sieg dem Bösen ab und sündigte nicht bis ins Grab, so will ich, wenn ich zu ihm komm, nicht denken mehr an gut und fromm, sondern: Da kommt ein Sünder her, der gern ums Lösgeld selig wär.«

Das klingt eindrucksvoll und stand so auch in methodistischen Gesangbüchern, obwohl es sich wohl gegen Wesleys These wendet. Wir können uns immer nur auf die Gnade berufen. Und dennoch: Mit Paulus dürfen wir auch dankbar rühmen, was die Gnade in unserem Leben gewirkt hat. Walter Klaiber ist Bischof in Ruhe. Der promovierte Theologe war Direktor des Theologischen Seminars in Reutlingen und hat zahlreiche Bücher verfasst.

Foto: Robert Blair‘s The Grave, 12 The Day of Judgment / William Blake Archive / Public Domain; Hintergrund: pexels.com / CC0
Entnommen aus »unterwegs« 3/2017