Wort auf den Weg – Michael Putzke mit Gedanken zu einem Vers aus Matthäus 6, 16+17

Wort auf den Weg – Michael Putzke mit Gedanken zu einem Vers aus Matthäus 6, 16+17

Wort auf den Weg

Ort der Begegnung mit Gott

Michael Putzke mit Gedanken zu einem Vers aus Matthäus: »Wenn du fastest, pflege dein Haar und wasche dir das Gesicht wie sonst auch, damit die Leute dir nicht ansehen, dass du fastest; nur dein Vater, der auch im Verborgenen gegenwärtig ist, soll es wissen.« (Matthäus 6, 16+17)

Morgens beim Frühstück mache ich zuerst das Radio an. Musik und Nachrichten füllen dann die Küche. Ich mag das sehr. Die Moderatoren breiten vor mir einen Klangteppich aus, über den ich in den Tag hineinlaufe. Mir macht das den Start in den Tag leichter. Am Ende des Tages sitze ich nach Feierabend meistens im Wohnzimmer und der Fernseher läuft: Nochmals Nachrichten, eine Show oder eine Magazinsendung.

Wenn ich mir meinen Tagesablauf ansehe, merke ich, dass ich fast immer berieselt werde mit Worten, Geräuschen und Musik aller Art. Nur selten findet sich eine Lücke. Das eine geht in das andere über. Und ehrlich gesagt, meistens mag ich das auch. Gleichzeitig spüre ich: Im Laufe des Tages bin ich nie wirklich allein mit mir selbst. Das würde mir aber gut tun.

Mut zur Lücke

Die Fastenzeit gibt mir die Chance, das an einer konkreten Stelle anders zu machen. Sie macht mir ein Angebot: Hab doch den Mut zur Lücke! Lass eine Sache weg, die sonst selbstverständlich ist. Oder nimm dir Zeit für etwas, das du sonst nicht tun würdest, weil der Tag schon so angefüllt ist. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Die Fastenzeit vor Ostern dauert 40 Tage. Diese Zahl erinnert an den Auszug Israels aus Ägypten durch die Wüste in ein neues Land. Die Zeit in der Wüste von 40 Jahren formte den Glauben Israels. Denn in der Wüste lenkt nichts ab, hier ist jeder Mensch zurückgeworfen auf das Wesentliche und wird dankbar für Kleinigkeiten: Wasser, Schatten, Essen. Für Israel wurde die Wüste zum Ort der Begegnung mit Gott und mit sich selbst. Hier kann Gott Israel zu Herzen sprechen. (Hosea 2,16)

Die Fastenzeit bietet die Chance, den normalen Tagesablauf zu unterbrechen und Platz zu schaffen für etwas anderes. In der Bibel ist das Fasten die Möglichkeit, sich intensiv auf Gott auszurichten. Dazu muss ich möglicherweise auf anderes verzichten. Am Anfang kann das auch schwer fallen, aber dadurch werden Kräfte frei, Seele und Geist ganz auf Gott zu konzentrieren.

Vor allem evangelische Christen lehnten lange das Fasten ab. Der Vorwurf: Man könne sich das Heil doch nicht mit Werken verdienen. Und tatsächlich wird das Fasten im Alten und Neuen Testament immer wieder kritisiert. In der Bergpredigt warnt Jesus davor, die persönliche Frömmigkeit zu einem öffentlichen Akt zu machen. Deswegen empfiehlt er, beim Fasten nicht eine Leidensmine aufzusetzen, sondern gerade dann auf Körperpflege zu achten: »Pflege dein Haar und wasche dir das Gesicht wie sonst auch.« Offensichtlich gab es damals einen Trend, die persönliche Frömmigkeit zur Schau zu stellen. Das Fasten an sich aber lehnt Jesus nicht ab. Es kann den Glauben vertiefen.

Platz machen für Neues

Das ist heute immer noch so: In der Fülle der Eindrücke, die wir tagtäglich aufnehmen, ist es gut, einmal den Mut zu Lücke zu haben. So schränken Menschen in der Fastenzeit zum Beispiel bewusst ihren Medienkonsum ein. Oder sie lassen etwas weg, was längst zur Gewohnheit geworden ist. Sie machen Platz für Neues. Fasten bedeutet »Gott gegenüber eine fragende Haltung einzunehmen und zu hören, was er zu sagen hat«, erklärt die Aktion »7 Wochen Ohne«. »Im Verzicht der Fastenzeit lebt die Erinnerung daran, dass wir es nicht immer allein und selber am besten wissen, was gut für uns ist.«

Foto: pexels.com / CC0
Entnommen aus: »unterwegs« 5/2017