Gott loben mit ganzem Körpereinsatz: Wir deutschen Methodisten schauen interessiert zu, aber trauen uns nicht, mitzutanzen.

Gott loben mit ganzem Körpereinsatz: Wir deutschen Methodisten schauen interessiert zu, aber trauen uns nicht, mitzutanzen.

Glaube und Kultur

»We come to worship God!«

»Wir sind gekommen um Gott anzubeten!« Das ist die Begründung für so manches, was Afrikaner in unserem Gottesdienst anders machen. Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, Gott auf diese Weise zu preisen. Erfahrungen von Iris Hahn in einer traditionellen Gemeinde, die nach und nach immer internationaler wird.

Zum Gebet bitte ich Sie, aufzustehen oder niederzuknien, wenn es Ihnen möglich ist«, spricht Markus, der an diesem Sonntag Liturgendienst hat, ins Mikro. Die Gemeinde erhebt sich zum Gebet, ein paar knien. Das ist neu in unserem Gottesdienst.

Die ersten Afrikaner, die schon vor vielen Jahren zu uns in den Gottesdienst kamen, nahmen ganz hinten in der letzten Kirchenbank Platz. Dort konnten sie sich niederknien, ohne zu sehr aufzufallen. Heute, an diesem Sonntagmorgen, kniet auch ein Deutscher neben einer Afrikanerin. Und zwar ganz vorne, in der ersten Reihe.

Sam, der erste Nigerianer, der in unsere Gemeinde kam, ist sich ganz sicher: »Gott hört unser Gebet, wenn wir uns hinknien und ernsthaft zu ihm beten. Er reagiert. Sich vor Gott hinzuknien, ist wahrlich ein Zeichen von Respekt, der ihm gebührt!«, sagt er auf englisch.

Niederknien: Da fällt mir die Aufstiegsfeier der örtlichen Fußballmannschaft ein. »Auf die Knie! Auf die Knie«, rief der 19-jährige Mittelfeldspieler von der Bühne den Fans zu, die sich auf dem Rathausplatz versammelt hatten. Er wiederholte seine Forderung immer lauter, bis fast alle Feiernden auf das Kopfsteinpflaster gesunken waren. Wenn man sich aus Freude über den Aufstieg einer Fußballmannschaft niederwirft – warum nicht vor dem großen Gott? Die katholischen Christen haben das nie verlernt. Und wir Methodisten hierzulande kommen ins Nachdenken, wenn unsere afrikanischen Geschwister neben uns niederknien.

Das Schönste ist gerade gut genug

Die bestangezogensten Männer in unserer Gemeinde sind die Afrikaner. Während die einheimischen Gemeindeglieder Schuhe tragen, mit denen sie auch gut die vierzehn Kilometer zur Kirche laufen könnten (obwohl sie meist mit dem Auto kommen), tragen die afrikanischen Männer im Gottesdienst so elegante Schuhe, als würden sie zum Tanzen gehen. Und das tun sie gelegentlich auch in unserem methodistischen Gottesdienst. Und: In solch einem Abendkleid, wie Lovetta aus Sierra Leone es heute trägt, gehe ich einmal im Jahr zum Presseball – aber nicht zum Gottesdienst!

Warum eigentlich nicht? Warum mache ich mich erst schick, wenn ich mich für den Theaterabend meines Sonntags-Abos herrichte und nicht schon vormittags, wenn ich in die Kirche gehe? Joseph, der schon sehr gut deutsch spricht, erzählt, er sei »schockiert« gewesen, als er zum ersten Mal an einem Gottesdienst hierzulande teilnahm. »Gottesdienst – das ist, als wenn man vor den König tritt. Oder wenigstens, als wenn man in die Disco geht, oder zu einer Geburtstagseinladung«, sagt er. Daheim in Nigeria lassen sie sich extra Gottesdienstgewänder schneidern. Und natürlich wird vor dem Gottesdienst immer geduscht und die Frisur gestylt – zur Begegnung mit Gott.

Auch wenn Christiana hier mit Kopfbedeckung zum Gottesdienst kommt – in der Regel ein buntes afrikanisches Tuch, das sie kunstvoll um ihrem Kopf drapiert – wenn sie zwischendurch wieder in West-Afrika zur Kirche geht, zieht sie sich viel schöner an als hier. Die Menschen, die aus anderen Kulturen zu uns kommen, passen sich in deutschen Kirchen oft an; vertauschen das mit Pailletten bestickte lange Gottesdienstgewand mit der Jeans.

Nur äußerliche Rituale?

Wenn ich mich festlich kleide, gehe ich erwartungsvoller zu einer Veranstaltung, als wenn ich in Alltagskleidung komme. Wenn ich knie, bete ich konzentrierter als im Stehen.

Wenn einer, statt eines dankbaren Stoßgebets im Stillen, im Gottesdienst einen Sack Reis oder eine Osterkerze zum Dank nach vorne bringt und dies dem Pastor für die Gemeinde überreicht, und eine andere während der Zeit der Gemeinschaft aufsteht und Gott vor allen Anwesenden ein Lied singt, weil Gott ihr geholfen hat, dann erleben sie – und auch wir – die Liebe Gottes viel stärker. Ob die hohe Wertschätzung des Gottesdienstes etwas damit zu tun hat, dass auf anderen Kontinenten die Zahl der Glaubenden so stark wächst?

Vielleicht liegt es ja auch daran, dass zum Beispiel Afrikas Kultur dazu neigt, auch Übernatürliches mit dem Leben in Verbindung zu bringen und das, was uns im Alltag begegnet, einfach ganzheitlicher wahrzunehmen. Als die untergehende Sonne ein fast übernatürliches Licht auf die Wolken über dem Kirchendach zaubert, das in krassem Kontrast zu dem dunklen Himmel steht, sagt Faith plötzlich: »Vielleicht kommt jetzt der Herr wieder.«

Wir deutschen Methodisten schauen sie verwundert an. Wir hätten jetzt lediglich ein aufziehendes Gewitter erwartet, aber nicht die Wiederkunft Christi.

Hat sich ihr Glaube in Deutschland geändert?

Wie ist es nun, wenn Menschen aus Afrika oder Asien nach Deutschland, und damit in eine völlig andere Kultur kommen? Alles ändert sich für sie; auch ihr Glaube?

Zunächst ist es für sie eine Befreiung, hier zu sein, sagt Anna und erklärt, warum ihr Glaube hier in Deutschland intensiver geworden ist. In ihrem Heimatland, dem buddhistisch geprägten Myanmar, durfte sie ihren Glauben nicht offen leben. Man konnte dort nicht so einfach mit anderen über den Glauben reden oder in die Kirche gehen, sagt sie. Seit sie in Deutschland ist, habe ihr Glaube an Tiefe gewonnen. Das käme auch vom Bibellesen, berichtet sie. Weil sie so viel in ihrer deutschen Bibel studiert, habe sich nicht nur ihr Deutsch sehr verbessert, sondern auch ihr Glaube.

Ruang ist methodistischer Pastor. Er kam im Winter aus Myanmar, dem früherem Birma, hierher und berichtet von der Wärme, die er in Deutschland unter anderen Methodisten spürte. »Ein Stück Heimat in der Fremde.« Auch sein Glaube habe hier an Tiefe gewonnen, bestätigt er.

»Jeder, der zu uns kommt, verändert uns.« Diesen Satz habe ich kürzlich gehört. Ich sehe ihn nicht negativ, sondern als große Chance. Es ist für alle ein Gewinn, wenn wir einander kennenlernen und miteinander unseren Glauben und die Erfahrungen, die wir dabei machen, teilen.

Die Autorin
Iris Hahn ist Kommunikations-Designerin und macht verschiedene Zeitschriften sowie Öffentlichkeitsarbeit im kirchlichen und kulturellen Bereich.

Beitrag entnommen aus »unterwegs« 21/2017
Foto: Iris Hahn