Diskussionsrunde »Wozu braucht die Politik den interreligiösen Dialog?«

Diskussionsrunde »Wozu braucht die Politik den interreligiösen Dialog?« mit (von links) Abdul-Ahmad Rashid (Moderation), Dr. Michael Blume, Erol Pürlü, Bischöfin i.R. Rosemarie Wenner, Abraham Lehrer.

»Weißt du, wer ich bin?«

Eigene Überzeugungen auf den Prüfstand stellen

Angesichts zunehmender Konflikte und nationalistischer Tendenzen müsse der interreligiöse Dialog verstärkt werden. So das Ergebnis einer ACK-Tagung.

In einer multikulturellen Gesellschaft ist der interreligiöse Dialog unverzichtbar, denn er befördere das gegenseitige Verstehen und stelle das gesellschaftliche Miteinander auf eine breitere Basis. Dies ist das Ergebnis einer Tagung des interreligiösen Projekts »Weißt du, wer ich bin?«, die am 19. und 20. November im Jüdischen Gemeindezentrum in Frankfurt am Main stattfand. Gerade bei den zunehmenden Konflikten und zunehmenden nationalistischen und fundamentalistischen Tendenzen müssten die Bemühungen im interreligiösen Dialog verstärkt werden.

Interkulturelle Öffnung

In diesem Zusammenhang unterstrich Heiner Bielefeldt, Professor für Menschenrechtspolitik an der Universität Erlangen-Nürnberg, die Bedeutung der Menschenrechte. »Die Menschenrechte sind als Praxis des Hinhörens und des gegenseitigen Respekts zu verstehen«, sagte Bielefeldt. Wo die Menschenrechte geachtet würden, führe dies automatisch zu einer vielfältigen und pluralen Gesellschaft. Gleichzeitig warnte er davor, die Menschenrechte zu einer »Quasireligion« zu machen oder ihnen den Status eines allgemeinen Ethos zu verleihen. Die Konzentration auf die Menschenrechte im interreligiösen Dialog führe dazu, »die eigenen Überzeugungen stets auf den Prüfstand zu stellen«. Gemeinsam hätten die Religionen die Aufgabe, die Menschenrechte gegen politische Ansprüche und andere Interessen zu verteidigen. Eine interkulturelle Öffnung führe dazu, dass die Menschenrechte ihre Wirkung breit entfalten könnten.

Gemeinsame Basis trotz unterschiedlicher Auffassungen

Wie religiöse Identität und interreligiöser sowie gesellschaftlicher Dialog zur Integration beitragen können, waren weitere Themen der Veranstaltung. So könne eine religiöse Identität Menschen Orientierung im gesellschaftlichen Miteinander geben. In diesem Zusammenhang plädierte der Berliner Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik dafür, einen von der geographischen Herkunft abgelösten Begriff von Heimat zu finden »als territorialer, sozialer und geistiger Ort respektierter Verschiedenheit«. Dabei nehme die Religion eine wichtige Rolle ein, weil die Sichtbarkeit von Religion Heimat stiften könne, so Brumlik.
Die Veranstaltung betonte auch, dass für einen gelingenden Dialog Zielsetzungen wichtig seien, die über das reine Kennenlernen hinausgehen. Der Dialog dürfe nicht nur von engagierten Einzelpersonen geführt werden, sondern solle in allen Strukturen der Religionsgemeinschaften verankert werden. Abraham Lehrer, stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, plädierte dafür, zwischen den Religionsgemeinschaften noch mehr Kooperationen zu finden. Dabei könne man von den Erfahrungen der ökumenischen Bewegung profitieren, erklärte Bischöfin Rosemarie Wenner, stellvertretende Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland. In der Ökumene habe man gelernt, trotz unterschiedlicher Auffassungen und Interpretationen eine gemeinsame tragende Basis zu finden und in einer positiven Atmosphäre auch kritische Punkte zu besprechen. 

Positive Erfahrungen bei Projekten an der Basis

In der interreligiösen Praxis zeige sich, dass die Begegnung zwischen Menschen unterschiedlicher Religion ein wesentlicher Faktor für ein friedliches Miteinander in der Gesellschaft ist. Mehrere Projekte, die mit Fördergeldern des Projektes »Weißt du, wer ich bin?« gefördert wurden, präsentierten ihre Erfahrungen auf der Tagung. Gerade in der Arbeit mit jungen Geflüchteten helfe die Begegnung mit Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften sehr weiter, um beispielsweise diffusen antisemitischen Vorurteilen entgegenzutreten. Aber auch die Wissensvermittlung oder der Austausch von spirituellen Erfahrungen trage wesentlich zum gegenseitigen Verstehen bei.

Bildnachweis: ACK


Der Autor
Klaus Ulrich Ruof ist Referent für Öffentlichkeitsarbeit und Pressesprecher der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland in Frankfurt am Main. Kontakt: oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de

Zur Information
Mit dem interreligiösen Projekt »Weißt du, wer ich bin?« werden christliche, jüdische und muslimische Gemeinden dazu ermutigt, sich gemeinsam für ein friedliches Miteinander einzusetzen. Die Religionsgemeinschaften leisten mit dem Projekt einen Beitrag zur interreligiösen Verständigung, zur Integration von Geflüchteten und fördern den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland. Das Projekt wird vom Bundesministerium des Innern, für Heimat und Bau gefördert und von der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland, dem Zentralrat der Juden in Deutschland, dem Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland, der Türkisch-Islamischen Union (DITIB), dem Verband Islamischer Kulturzentren und dem Zentralrat der Muslime in Deutschland getragen. Weitere Infos unter www.weisstduwerichbin.de.