Bischof Harald Rückert bei seiner Predigt im Abschlussgottesdienst.

Bischof Harald Rückert bei seiner Predigt im Abschlussgottesdienst.

Norddeutsche Jährliche Konferenz

Vertrauen investieren

Gott ging »volles Riskio« als er Mensch wurde. Es ist Zeit, ihm und einander neu Vertrauen zu schenken.

»Buchstabiert durch, was es heißt, Vertrauen zu investieren«, forderte Bischof Harald Rückert die Gemeinde im Abschlussgottesdienst auf. Im Haus des Gastes in Braunfels kamen am Sonntag, dem 16. Juni, Konferenzmitglieder, Menschen aus den Gemeinden Braunfels, Wetzlar und aus den benachbarten Gemeinden der Süddeutschen Konferenz zusammen.

Alles fängt damit an, dass Gott die entscheidende Investition getätigt habe, sagte Rückert in seiner Predigt. In Christus sei Gott Mensch geworden. Gott »ging dabei volles Risiko«. Die Währung, mit der Christen darauf antworten, seien Vertrauen und Hoffnung. Gott »lockt uns, dass wir ihm miteinander neu Vertrauen schenken«. Gleichzeitig gehe es darum, als Christen Vertrauen ineinander zu haben. Das Schwierige seien in unserer Kirche derzeit nicht unterschiedliche Meinungen, hob Rückert hervor. Das »Unerträgliche ist das Gift des Misstrauens«. Damit sprach der Bischof den Traditional Plan an, den der Kirchenvorstand mit seinen problematischen Ausführungsbestimmungen abgelehnt hatte. »Dieses Gift hat angefangen zu wirken – auch unter uns« sagte Rückert.

Große Bandbreite der Meinungen

Am ersten Sitzungstag hatte die Norddeutsche Jährliche Konferenz (NJK) den Beschluss der außerordentlichen Generalkonferenz und den Bericht des »Runden Tisches« debattiert. Superintendentin Irene Kraft hielt fest, dass es in der NJK eine »große Bandbreite« gäbe. Man müsse mit unterschiedlichen Meinungen leben, zog sie Bilanz: »Wir sind nicht an dem Punkt, dass wir uns gegenseitig überzeugen könnten.« In der mit Spannung erwarteten Debatte überwogen die Stimmen, die das Verbindende suchten. Er selbst sei ein Grenzgänger, sagte Pastor Christhard Elle aus Bremerhaven – er wolle »ganz fromm« sein und »gleichzeitig offen für Menschen mit den verrücktesten Lebensgeschichten«. Kritisch äußerte sich Pastor Steffen Klug aus Braunfels: Der Kirchenvorstand habe in der Ablehnung des Traditional Plans Tatsachen geschaffen, bevor der Runde Tisch eingesetzt worden sei. Die gegenwärtige Debatte biete auch Chancen, erklärte Claudia Kittsteiner aus Berlin-Lankwitz. Menschen sollten miteinander ins Gespräch kommen und einander den Freiraum geben, das zu leben, was sie im Moment für sich als richtig erkannt haben.

Die Konferenz bestätigte am Ende der Aussprache einstimmig mit einer Gegenstimme und zwei Enthaltungen den Antrag des Runden Tisches.
Der Bischof hielt in seinem Wort an die NJK fest, dass die Kirche mit unterschiedlichen Meinungen werde leben müssen. Man müsse die damit verbundenen Spannungen aushalten und sich davor hüten, »sie einseitig auflösen zu wollen«.

Debatte um Kinder- und Jugendwerk

Am letzten Sitzungstag debattierte die NJK, in welcher Form sie in Zukunft die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gestalten will. Modelle, die in den letzten vier Jahren von einer Arbeitsgruppe entwickelt worden waren, wurden abgelehnt. Mit ihnen wäre dieser Arbeitszweig stärker in die Regionen verlagert worden. Vor allem die Jugenddelegierten argumentierten mit Verve dafür, dass das Kinder- und Jugendwerk mit einem Stellenumfang von dreihundert Prozent und einer Sachmittelzuweisung von 30.000 Euro weiterarbeiten kann.

Hauptamtliche mit »Spieldreher-Potential«

Der Bericht der Superintendenten wurde kontrovers diskutiert – vor allen die Bemerkung, dass Hauptamtliche mit »Spieldreher-Potential« gebraucht werden. Diese Formulierung stammt aus dem Fußball. Wenn eine Mannschaft in der zweiten Halbzeit nach Toren hinten liegt, ist es manchmal ein Spieler, der mit seiner Spielweise und seinem Auftreten seine Mannschaft mitreißen kann und das Spiel dreht. Dietmar Wagner, Pastor im Wolfsburg wies darauf hin, dass Bewerber für das Predigtamt im Laufe der Ausbildung sich immer wieder Abstimmungen in den Gemeindebezirken stellen müssten. Er äußerte die Befürchtung, dass durch diese Struktur, eher die Anpassungsfähigkeiten gefördert werden als der Mut zum Risiko. Stefan Kraft, Superintendent im Essener Distrikt, sagte: »Wir brauchen Leute, die neu denken können«. In dieser Hinsicht wird die NJK für die Gemeinden in Dortmund einen Mitarbeiter im Gemeindedienst anstellen. Gero Waßweiler arbeitete bisher für die Stadtmission. Ab September wird er in Dortmund seine Arbeit beginnen mit dem Ziel, in den nächsten drei Jahren den Gottesdienstbesuch auf dreißig Personen zu steigern.

Im Herbst wird eine Arbeitsgruppe der Kommission für Kircheneigentum und Finanzen ihre Beratungen darüber fortsetzen, welche systemverändernden Maßnahmen notwendig sind, um die NJK zukunftsfest zu machen. Die Arbeitsgruppe soll beraten, wie in folgenden Bereichen die Arbeit verändert werden muss: Pastoraler Dienst, Finanzierung der Kirche durch das Umlagesystem, Bewirtschaftung der Immobilien und die Arbeitsweise der Gemeinden.

Bildnachweis: Heike Liese


Der Autor
Michael Putzke ist Beauftragter für Öffentlichkeitsarbeit in der Norddeutschen  Konferenz. Kontakt: redaktion(at)emk.de