Die Ausgrenzung muss aufhören Von Klaus Ulrich Ruof  | 

Auf dem Weg zum bedingungslosen »Du bist willkommen!«

»Coming-In« hat das Anliegen, dass christliche Gemeinden eine echte Willkommenskultur für LSBTQ-Menschen entwickeln sollen.
»Coming-In« hat das Anliegen, dass christliche Gemeinden eine echte Willkommenskultur für LSBTQ-Menschen entwickeln sollen. Die Abkürzung LSBTQ steht für lesbische, schwule, bi-, transsexuelle und queere Menschen.
Bildnachweis: Coming-In
Immer noch werden Homosexuelle in christlichen Gemeinden ausgegrenzt. »Coming-In« will deshalb auf eine Willkommenskultur in den Gemeinden hinwirken.
3 Minuten

»Wir wünschen uns, dass das Schweigen ein Ende hat«, bitten fünf Personen aus der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK). In einer persönlichen Erklärung laden sie dazu ein, »in unseren Gemeinden und übergemeindlich über die Akzeptanz von LSBTQ-Menschen nachzudenken und theologisch zu arbeiten«. Anlass für ihre Bitte war die Teilnahme an der »Coming-In«-Veranstaltung, die Anfang September in Niederhöchstadt in der Nähe von Frankfurt am Main stattfand.

Willkommenskultur für queere Menschen in konservativen Kreisen gewünscht

Diese Veranstaltung war nach Angaben der Organisatoren deutschlandweit das erste öffentliche Treffen von Menschen, die sich »für einen neuen, offenen Umgang mit LSBTQ-Menschen« auch in konservativen und evangelikalen Gemeinden einsetzen. Das Kürzel LSBTQ steht für die Bezeichnung von lesbischen, schwulen, bi-, transsexuellen sowie queeren Menschen.

Die Veranstaltung sollte dazu beitragen, dass in christlichen Gemeinden »jede:r willkommen ist – egal ob lesbisch, schwul, bi, trans oder anders queer«. Das Treffen habe sich nicht nur an LSBTQ-Menschen gerichtet, sondern bewusst auch an andere, »denen eine Willkommenskultur in christlichen Gemeinden für queere Menschen ein Anliegen ist«. Coming-In sollte dazu beitragen, diese verschiedenen Gruppen miteinander zu vernetzen und zum Erfahrungsaustausch anzuregen.

Sehnsucht nach Heimat und sicherem Ort

Zur zweiten Gruppe zählten die fünf Personen, die sich jetzt im Nachgang an die EmK-Öffentlichkeit wenden. Es sei eine »unglaubliche Aufbruchsstimmung« zu spüren gewesen, beschreibt Karin Elle aus Bremerhaven zusammen mit ihren vier Mitunterzeichnern das Erleben bei der Veranstaltung. Sie hätten den Eindruck gehabt, »bei etwas Neuem, Bahnbrechendem dabei zu sein«. Ihr Ehemann, Christhard Elle, Pastor in Bremerhaven, erzählt am Telefon, dass er »eine große Not« wahrnahm, weil in Freikirchen und landeskirchlichen Gemeinschaften den LSBTQ-Menschen immer noch nicht mit einer wirklichen Offenheit und echter Willkommensbereitschaft begegnet werde.

Unter den über vierhundert Teilnehmern in Niederhöchstadt seien viele junge Leute aus konservativen und evangelikalen Gemeinden gewesen, die deutlich zum Ausdruck gebracht hätten: »Wir müssen uns öffnen für diese Menschen!« Elle unterstreicht diese Aussage mit dem Hinweis darauf, dass viele Personen aus der LSBTQ-Gemeinschaft verletzt seien, aber trotzdem eine große Sehnsucht nach einer Gemeinde als »Heimat und sicheren Ort« hätten.

Herzensanliegen echte Willkommenskultur

Nach der Situation in der EmK gefragt, erklärt Elle, dass die EmK im Vergleich zu anderen Freikirchen, Bünden und Gemeinschaften schon sehr weit sei. Er selbst hatte an den EmK-Beschlüssen zur Öffnung der Kirche für die Segnung homosexueller Lebensgemeinschaften und die Ordination Homosexueller zum pastoralen Dienst mitgewirkt. Positiv sieht er dabei, dass die Kirche den Weg zur Öffnung einschlage und dabei gleichzeitig ein geschwisterliches Miteinander mit denen fördere, die sich konservativ verorten. »Aber«, schiebt er nach, »viele unserer Gemeinden sind noch kein sicherer Ort für LSBTQ-Menschen.« Es gehe darum, »die Beschlüsse zur Öffnung der Kirche bei der Tagung der Zentralkonferenz im November zu bestätigen, und vor allem geht es darum, diese in unseren Gemeinden mit Leben zu füllen«.

Deshalb beschreiben die fünf EmK-Glieder in ihrer Nachlese zur Coming-In-Tagung ihr »Herzensanliegen«. Sie wünschen sich, dass »in unseren Gemeinden vor Ort« Gespräche entstehen »und dass wir darum ringen, was eine echte Willkommenskultur für uns bedeutet«. Es gehe darum, sich »mit offenen Augen und Herzen« an »das Thema« heranzuwagen und sich für die Menschen zu öffnen, »die Gott in eure Gemeinde oder in euer Leben schickt«. Die fünf Unterzeichner wünschen sich, »dass viele einzelne Geschwister und viele unserer Gemeinden sich auf den Weg machen hin zu einem bedingungslosen ›Du bist willkommen!‹«.

 

Weiterführende Links

Nachlese zu Coming-In – eine Bitte von fünf Kirchengliedern der EmK (PDF)
Internetpräsenz von Coming-In
Arbeitshilfe des Bildungswerks: »Wie ein gutes Gespräch über schwierige Fragen entwickelt werden kann«

Der Autor

Klaus Ulrich Ruof ist Referent für Öffentlichkeitsarbeit und Pressesprecher für die Evangelisch-methodistische Kirche in Deutschland mit Sitz in Frankfurt am Main. Kontakt: oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de