Kirchensaal in Waiblingen wird IBA’27-Projekt
Der Gottesdienst war zu Ende. Die Gemeinde hatte gebetet, gesungen, auf Gottes Wort gehört – und blieb dennoch versammelt. Vor dem Abendmahlstisch im Kirchensaal der Christuskirche Waiblingen wurde am Sonntag, 8. Februar, die Kooperationsvereinbarung unterzeichnet. Kein Verwaltungsakt am Rand, sondern ein Zeichen in der Mitte.
Ende November 2025 hatte die Internationale Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart (IBA’27) die Sanierung als Projekt bestätigt. Mit der Unterzeichnung ist das Vorhaben offiziell Teil des Ausstellungsprozesses. Anwesend waren auch die IBA-Geschäftsführer Dr. Gabriele König und Andreas Hofer. Pastorin Ute Armbruster-Stephan nannte das Projekt ein »Glaubensbekenntnis«. Zum 100-jährigen Bestehen 2027 solle der Kirchensaal erneuert werden – »nicht, um ihn neu zu erfinden, sondern um ihn weiterzuführen«.
Vom Umbau zum geistlichen Prozess
Was im Spätsommer 2023 mit Überlegungen zu neuer Technik, besserer Akustik und einer veränderten Bestuhlung begann, wurde rasch grundsätzlicher: Die Gemeinde fragte nicht nur nach Ausstattung, sondern nach ihrem Selbstverständnis: Wie wollen wir hier künftig Gottesdienst feiern? Welche Spiritualität prägt uns? Und wie kann dieser Raum das widerspiegeln, was uns im Glauben trägt?
»Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder«, stellte die Pastorin ins Zentrum ihrer Predigt. Spiritualität sei kein Zusatz, sondern »die lebendige Mitte« des Glaubens. Sie öffne Horizonte und lasse Menschen an Gottes größerer Wirklichkeit teilhaben. Ein Kirchensaal sei deshalb mehr als ein Versammlungsraum – er sei Ort der Begegnung mit Gott. Viele Gespräche, Gebetszeiten und gemeinsame Beratungen haben diesen Weg begleitet – getragen von dem Wunsch, geistlich verantwortlich Zukunft zu gestalten.
Ein IBA’27-Projekt mit Profil
Tina Muhr, Projektleiterin der IBA’27, würdigte den Ansatz der Gemeinde. Der Ort sei »mehr als ein Gebäude« und stehe für Offenheit, Begegnung und Gemeinschaft. Mit der Unterzeichnung werde das Vorhaben zum offiziellen IBA’27-Projekt – als kleinstes und einziges reines Innenraumprojekt.
Kilian Juraschitz vom Architekturbüro Atelier Kaiser Shen beschrieb die Aufgabe als genaues Zuhören. Die bislang verborgene Dachkonstruktion soll freigelegt werden; der Raum gewinnt dadurch an Höhe, Licht und Weite. Der Bereich um den Abendmahlstisch wird neu gegliedert und flexibel nutzbar gestaltet. Die Orgel erhält bewusst ihren Platz auf der rückwärtigen Empore – ein Zeichen dafür, dass Entwicklung nicht Bruch bedeuten muss.
Die ehrenamtliche Projektleitung hat Uli Speidel. Eine Planungsgruppe aus Mitarbeitenden in der Gemeinde begleitet den Prozess gemeinsam mit dem für Gebäude- und Finanzfragen zuständigen Ausschuss der Bezirkskonferenz.
Nachhaltig denken – offen bleiben
Bestehende Bauteile sollen, wo möglich, erhalten und wiederverwendet werden. Holzfaser, Lehm und weitere Naturmaterialien prägen das ökologische Konzept; Energieeffizienz, Raumklima und langfristige Nutzbarkeit werden zusammengedacht. Gefördert wird das Projekt über das Programm zur Kofinanzierung für regionale Innovationen in IBA’27-Projekten des Verbands Region Stuttgart.
Schon heute wird der Kirchsaal nicht nur für Gottesdienste genutzt, sondern auch für schulische Projekte, kulturelle Veranstaltungen und soziale Initiativen. Diese Offenheit soll weiter gestärkt werden – als Beitrag zu einer Gemeinde, die ihren Glauben lebt, gemeinschaftliches Leben fördert und offen für die Stadt ist.
Vertrauen für den Weg
»Heute ist der offizielle Start«, sagte die Pastorin bei der Unterzeichnung. Viele in der Gemeinde tragen das Vorhaben im Gebet, durch Spenden und durch ihr persönliches Engagement mit. Unterschrieben wurde mit einem Stift, auf dem stand: »Ich bin bei dir.« Dieses Wort begleitete die Unterzeichnung sichtbar – und steht zugleich über dem ganzen Weg des Projekts: als Zusage Gottes und als geistliche Vergewisserung für die kommenden Schritte.
Die Wiedereinweihung ist für Oktober 2027 geplant – im Jubiläumsjahr des Kirchensaals und im Ausstellungsjahr der IBA’27.
Weiterführende Links
www.iba27.de/projekt/neuer-kirchensaal-fuer-die-evangelisch-methodistische-kirche-in-waiblingen/
Der Autor
Michael Löffler ist Theologischer Leiter der EmK-Kirchenkanzlei mit Sitz in Frankfurt am Main und Pressesprecher für die Evangelisch-methodistische Kirche in Deutschland. Kontakt: oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de
Zur Information
Was ist die IBA’27?
Die »Internationale Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart« (IBA’27) ist ein mehrjähriger Entwicklungsprozess für zukunftsorientiertes Bauen. Sie knüpft an die Stuttgarter Bauausstellung von 1927 (Weissenhofsiedlung) an und fragt 100 Jahre später neu: Wie wollen wir künftig bauen und zusammenleben?
Ausgewählte Projekte werden fachlich begleitet und vernetzt. Sie zeigen beispielhaft, wie nachhaltige Architektur, ressourcenschonendes Bauen und gemeinschaftsorientierte Räume gelingen können. 2027 werden die Ergebnisse im Ausstellungsjahr präsentiert. Der neue Kirchensaal in Waiblingen ist als Projekt Nr. 204 Teil der IBA’27.
Die Gemeinde Waiblingen und die Christuskirche
Erste methodistische Versammlungen in Waiblingen fanden bereits im Jahr 1848 statt. Mit dem Kauf eines Missionshauses im Jahr 1861 begann die organisierte Gemeindearbeit vor Ort. Das Missionshaus war von 1861 bis 1875 Sitz des Vorstehers der »Wesleyanischen Methodisten« in Deutschland und diente als zentrales Gemeindezentrum im Raum Waiblingen/Stuttgart. In ihm wurde eine Predigerschule eingerichtet, in der Laien zu Predigern ausgebildet wurden, und von hier aus erschienen Gemeindeverlautbarungen wie der »Sonntags-Gast« und der »Methodisten-Herold«.
Die Christuskirche wurde 1927 eingeweiht. Sie entstand, um der wachsenden Gemeinde einen eigenen Gottesdienstraum zu geben, und ist seither Mittelpunkt des Gemeindelebens. 1977 wurde das Gebäude umfassend renoviert. Nach dem Abriss des früheren Pastorenhauses im Jahr 2011 entstand 2012 ein neues Gemeindezentrum als Anbau an die Christuskirche.
Homepage des Bezirks: www.emk-waiblingen.de






