Botschaft zu Ostern Von Bischof Werner Philipp  | 

Passion: Vom Leiden zur Leidenschaft

Holzkreuz am Ufer des Sees Genezareth, davor Brot und Kelch im Sonnenlicht – Sinnbild für den auferstandenen Christus, der im Brechen des Brotes erkannt wird.
Am See Genezareth erinnern Kreuz, Brot und Kelch an den Auferstandenen, der im Brechen des Brotes erkannt wird.
Bildnachweis: Michael Löffler, EmK-Öffentlichkeitsarbeit
Wort des Bischofs Werner Philipp zu Karfreitag und Ostern 2026
3 Minuten

Wenn wir in diesen Tagen den Weg von der Dunkelheit des Karfreitags zum strahlenden Licht des Ostermorgens gehen, begegnet uns ein Wort auf besondere Weise: Passion. Für viele ist dieses Wort untrennbar mit dem Leiden Christi verbunden, mit Schmerz, Ohnmacht und dem Kreuz. Doch die Geschichte der Emmausjünger eröffnet eine zweite, ebenso kraftvolle Dimension: Passion ist nicht nur das Leiden, das uns zustößt, sondern auch die Leidenschaft, die in uns entfacht werden kann.

Passion im Erleiden

Zwei Menschen gehen am Ostertag weg von Jerusalem. Ihr Weg ist gezeichnet von tiefer Resignation. »Wir aber hofften...«, sagen sie, und in diesem Satz schwingt die ganze Bitternis eines zerbrochenen Traumes mit. Sie fliehen vor dem Ort des Scheiterns. Als sich der Auferstandene unerkannt zu ihnen gesellt, stellt er ihnen eine Frage, die zunächst hart klingen mag: »Musste nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?« (Lukasevangelium, Kapitel 24, Vers 26). Dieses »Muss« markiert die Passion als Leiden. Es ist kein Schicksalszwang, sondern die radikale Konsequenz einer Liebe, die vor nichts zurückweicht – auch nicht vor dem Tod. Christus entzieht sich dem Leid nicht; er durchschreitet es.

Wir spüren heute, im Jahr 2026, eine ganz ähnliche Schwere in unserer Gesellschaft und in unserer Kirche. Viele blicken mit Sorge auf die Risse in unserem sozialen Miteinander, auf globale Konflikte und auf eine Welt, die sich oft unversöhnlich gegenübersteht. Auch als Kirche erleben wir eine Zeit der Passion, einen schmerzhaften Aufbruch aus den Gehäusen der Gewohnheit und den Verlust liebgewonnener Sicherheiten. Mancherorts liegt eine Karfreitagsstimmung über allem – eine Müdigkeit, die uns lähmen will. Doch das Evangelium lässt uns bei diesem Leiden nicht stehen.

Der Wendepunkt: das brennende Herz

Der Wendepunkt der Emmausgeschichte geschieht beim Brechen des Brotes. In diesem Moment der Gemeinschaft gehen den Jüngern die Augen auf. Der Herr verschwindet zwar vor ihren Augen, doch was bleibt, ist eine verwandelte Innenwelt. Sie fragen sich: »Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?« (Lukasevangelium, Kapitel 24, Vers 32). Hier wandelt sich die Passion des Erleidens in die Passion der Leidenschaft. Das Feuer, das die Jünger für erloschen hielten, brennt plötzlich heller als je zuvor.

Passion als gelebte Hoffnung

Diese österliche Leidenschaft brauchen wir heute dringender denn je. Eine Leidenschaft, die nicht die Augen vor der Realität verschließt, sondern Kraft aus der Gewissheit schöpft, dass Gott mitten im Scheitern gegenwärtig ist. Als Christen sind wir gerufen, Leidenschaft zu zeigen – für die Gerechtigkeit, den Schutz der Schwachen und für einen gesellschaftlichen Diskurs, der von Respekt und Liebe geprägt ist, statt von Hass und Ausgrenzung. Unsere Passion für das Leben speist sich aus der Ostererfahrung: Der Tod hat nicht das letzte Wort.

Das bedeutet für uns als kirchliche Gemeinschaft, dass wir nicht resigniert den Rückzug antreten dürfen. Die Emmausjünger blieben nicht in der Geborgenheit ihres Zielortes. Sie standen noch in derselben Stunde auf und kehrten zurück nach Jerusalem – an den Ort des Kreuzes, aber nun als Boten der Hoffnung. Auch wir sind gesandt, mit brennenden Herzen in die Herausforderungen unserer Zeit hineinzugehen. Wir sind eine Kirche, die das Leiden der Welt ernst nimmt, weil ihr Herr es selbst getragen hat, aber wir tun dies mit der Leidenschaft derer, die wissen, dass das Leben gesiegt hat.

Möge dieses Osterfest in uns dieses Brennen neu entfachen. Möge der Übergang vom Erleiden der Zeitumstände hin zur leidenschaftlichen Gestaltung unserer Zukunft gelingen. Lassen wir uns vom auferstandenen Herrn die Augen öffnen und die Herzen wärmen, damit wir Boten jenes Lichtes werden, das keine Finsternis jemals auslöschen kann.

Von Herzen wünsche ich Ihnen und euch ein gesegnetes Osterfest.

Christus ist auferstanden!
Er ist wahrhaftig auferstanden!

Ihr / Euer

Bischof Werner Philipp

 

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Der Autor

Werner Philipp D.Min. ist als Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche für Deutschland zuständig. Mit seinem bischöflichen Dienst möchte er dazu beitragen, dass lebendige Hoffnung in Christus in Kirche und Welt wächst – geprägt von kühner Liebe, dienender Nähe und entschlossenem Vorangehen. Der Dienstsitz ist in Frankfurt am Main. Kontakt über: oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de