Arno Gerlach (Mitte) bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Ben-Gurion-Universität

Arno Gerlach (Mitte) bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Ben-Gurion-Universität, die damit sein Engagement für die seit 1977 bestehende Städtepartnerschaft zwischen Wuppertal und Beer Sheva ehrte.

Partnerschaft mit Israel

Einsatz für Versöhnung als Lebensinhalt

Jahrzehntelang setzte sich Arno Gerlach für die Aussöhnung mit Israel ein. Jetzt ehrte ihn die Ben-Gurion-Universität mit der Ehrendoktorwürde.

Seit vierzig Jahren setzt sich Arno Gerlach für die Versöhnung zwischen Christen und Juden ein. Vor wenigen Wochen wurde dem langjährigen Vorsitzenden des »Freundeskreis Beer Sheva« aus Wuppertal die Ehrendoktorwürde der philosophischen Fakultät der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva verliehen. Die Universität am Rande der im Süden Israels gelegenen Negevwüste ehrt damit Arno Gerlachs Engagement für die Städtepartnerschaft zwischen Wuppertal und Beer Sheva und für die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel generell sowie für seinen Einsatz in Osteuropa.

Israel als zweite Heimat

Erste Kontakte nach Israel entstanden in den 70er-Jahren, als neben vielen anderen internationalen Gästen auch Bürgermeister aus Israel nach Wuppertal kamen, um sich dort über die moderne Müllverbrennungsanlage zu informieren. Im Jahr 1983 gründete Arno Gerlach, der in der EmK-Gemeinde Wuppertal-Barmen zuhause ist, den Verein »Freundeskreis Beer Sheva«. Seither ist Israel für ihn zu einer zweiten Heimat geworden. Bei seinen inzwischen über zweihundert Aufenthalten hat er in Israel unzählige Begegnungen und Projekte auf den Weg gebracht und dabei viele Menschen aus beiden Städten zusammengeführt. Dazu zählen Schulpartnerschaften, Konzertreisen mit der Kantorei Barmen-Gemarke und sportliche Veranstaltungen. »Wir sind praktisch auf allen Gebieten des gesellschaftlichen und öffentlichen Lebens aktiv«, berichtet der 77-Jährige.

Das Vermächtnis des Vaters

Seine Motivation für dieses Engagement zieht der 1941 in Lyck, Ostpreußen geborene Gerlach aus der Erinnerung an seinen Vater. Im Winter 1944/45 hatte die Familie aus der Heimat fliehen müssen. Ein halbes Jahr waren sie damals auf der Flucht, bis sie in Wuppertal ein neues Leben beginnen konnten. Aber die Sehnsucht der Eltern, wieder nach Ostpreußen zurückzugehen, war groß. »Diese Hoffnung hatten sie nie aufgegeben«, erzählt Gerlach. Als 1970 die Nachricht bekannt wurde, dass die Bundesregierung im Warschauer Vertrag die Oder-Neiße-Grenze als endgültige Ostgrenze anerkannt hatte, findet Arno Gerlach seinen Vater zusammengesunken im Arbeitszimmer. Die große Hoffnung, irgendwann doch noch die Heimat wiederzusehen, war für den Vater »mit einem Schlag dahin«, erinnert sich Arno Gerlach. Lange sitzt der Vater schweigend da bis er zu seinem Sohn sagt: »Junge, hör gut zu: Wenn es um den wirklichen Frieden in der Welt geht, dann müssen wir auch auf unsere Heimat verzichten.« Diesen Satz habe er nie vergessen, sagt Gerlach heute. Für den Frieden zu arbeiten ist ein täglicher Kampf. Die Jahreslosung für das Jahr 2019 »Suche Frieden und jage ihm nach« (Psalm 34,15) beschreibt in treffender Weise Gerlachs christliche Motivation für diesen jahrzehntelangen und ausdauernden Dienst.
Sein Vater ist ihm zum Vorbild geworden – auch im Einstehen für die Verständigung mit Israel. Im Krieg sei der Vater als Lokomotivführer einmal angewiesen worden, in Ostpreußen einen Güterzug zu fahren. Exakt wie er war, habe er zu Beginn der Fahrt die Frachtpapiere verlangt, diese aber seien ihm verweigert worden. Bei einem Zwischenhalt in einem Bahnhof nahm der Vater allen Mut zusammen und wollte selbst die Ladung inspizieren. Der erste Güterwagen war leer – aus dem zweiten aber hörte er menschliche Stimmen. Da sei dem Vater klar geworden, dass er Juden ins Konzentrationslager transportieren soll, erzählt Gerlach. Seinem Sohn berichtet der Vater im Rückblick: »Das war die schwerste Entscheidung meines Lebens.« Noch im Bahnhof wurde der Vater von den SS-Soldaten drangsaliert und verletzt, aber er quittierte in diesem Moment seinen Dienst. Seinen Sohn bittet der Vater nach dem Krieg, angesichts der Geschichte Deutschlands alles zu tun für die Versöhnung zwischen Christen und Juden und für die Verständigung zwischen Israel und Deutschland. Für Arno Gerlach ist dieser Auftrag Lebensinhalt geworden.

Kampf gegen den Antisemitismus heute

Heute sieht Arno Gerlach mit Trauer, dass viele Menschen in Deutschland die Geschichte nicht wirklich kennen. Auch unter jungen Menschen wächst der Antisemitismus. Für ihn ist dies ein Antrieb, gerade jetzt nicht aufzuhören. Sein Anliegen ist und bleibt der unermüdliche Widerstand gegen Antisemitismus, Extremismus und Fremdenfeindlichkeit sowie das nachhaltige Bemühen um Frieden im Nahen Osten und in der Welt.
Gerade arbeitet Arno Gerlach für die Ausweitung der Schulpartnerschaften. In Wuppertal gibt es bisher drei Schulen, die feste Partnerschaften mit Schulen in Israel haben. Weitere sollen folgen. Die Arbeit mit Jugendlichen liegt ihm am Herzen. In Wuppertal gibt es eine Realschule, die zweisprachig ausbildet. In manchen Klassen sind achtzig Prozent der Schüler Muslime, schätzt Gerlach. Viele von ihnen haben antisemitische Vorurteile. In Absprache mit den Lehrern plant Gerlach Veranstaltungen, um mit diesen Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Dazu nutzt er seine Kontakte in die Politik, über die er als langjähriges Mitglied im Wuppertaler Rat der Stadt verfügt. Jüngst hat Gerlach den Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus, Dr. Felix Klein, in diese Schule eingeladen.

Zusammenarbeit auf allen Ebenen

In der Laudatio hob die Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva hervor, dass Arno Gerlach mit seinen zahlreichen Kontakten in Israel mehrere Städte in beiden Ländern auf dem Weg zu einer Partnerschaft unterstützt hat. Ebenso wurde die Bedeutung seines internationalen Wirkens für die Friedensarbeit innerhalb der deutsch-israelischen Beziehungen gewürdigt sowie die Versorgung und Unterstützung der jüdischen Gemeinden in im ungarischen Budapest und im rumänischen Bukarest unmittelbar nach der Revolution 1989.
Die Zusammenarbeit der Städte Wuppertal und Beer Sheva in fast allen gesellschaftlichen und administrativen Bereichen wird als wichtige Grundlage der guten Beziehungen beider Staaten betrachtet, die sich positiv entwickeln. Gerlach hat mit ökologischen, sozialen und bildungsbezogenen Projekten viele Bürger, Berufsgruppen und Institutionen beider Städte in Verbindung gebracht und Verständnis und Vertrauen untereinander gefördert.
Für Arno Gerlach ist die Ehrung im 70. Jahr der Unabhängigkeit des Staates Israel Verpflichtung und Auftrag zugleich. So erklärte er: »Nicht nur der dumpfe Angriff auf wehrlose Menschen, auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit ist eine existenzielle Bedrohung für unser Land und die Welt, vielmehr sind Ignoranz, Schweigen und Nichtstun gegen die Unmenschlichkeit, den Hass und die Missachtung der Menschenwürde die eigentliche Gefahr für die Freiheit und den Frieden.«

Bildnachweis: privat
Dieser Artikel ist dem EmK-Magazin »unterwegs« 4/2019 vom 17. Februar 2019 entnommen.


Die Autoren
Dieter Klotz ist Laienmitglied der Norddeutschen Konferenz und Laienprediger in der EmK. Michael Putzke ist leitender Redakteur des zweiwöchentlich erscheinenden EmK-Magazins »unterwegs«. Kontakt: redaktion(at)emk.de.