700 Jahre Erfurter Ägidienkirche
Die thüringische Landeshauptstadt Erfurt feiert in diesem Jahr ein besonderes Jubiläum: »700 Jahre steinerne Krämerbrücke«. Mit ihrer geschlossenen Brückenbebauung durch Fachwerkhäuser zählt sie zu den bekanntesten Wahrzeichen der Stadt. Auch die Gemeinde der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) in Erfurt feiert beim Jubiläum kräftig mit. Denn ihr kirchliches Zuhause ist ebenfalls 700 Jahre alt: Die Ägidienkirche ist das weltweit älteste in methodischem Eigentum befindliche Kirchengebäude und bildet mit ihrem Torbogen den östlichen Brückenzugang.
Agile Erfurter Gemeinde feiert mit
Wer sich mit den heute vielgenutzten Möglichkeiten der als KI bezeichneten Künstlichen Intelligenz den Kalender für die EmK in Erfurt zusammenstellen lässt, reibt sich die Augen. Das Jahr 2025 ist reich an interessanten runden Zahlen. Die urkundliche Ersterwähnung der Ägidienkirche liegt 915 Jahre zurück. Vor 700 Jahren wurde sie nach Brandereignissen als Steinbau errichtet und bildet zusammen mit der damals ebenfalls in Steinbauweise errichteten Krämerbrücke die geschichtliche Grundlage für das Jubiläumsjahr. Weitere runde Jahreszahlen sind 120 Jahre methodistische Tradition in Erfurt, 75 Jahre Beendigung des Dienstes der Bethesda-Klinik Erfurt, 65 Jahre Wiederweihe der ehemaligen Pfarrkirche St. Egidii als Kirche in methodistischem Eigentum.
Lebendige und lang verschüttete Erinnerungen spielen in diesem Jahr eine Rolle. Für den Gemeindevorstand der Erfurter EmK-Gemeinde war schnell klar, dieses besondere Jahr des »großen« Jubiläums »700 Jahre steinerne Krämerbrücke« mit dem »kleinen« Jubiläum »700 Jahre Ägidienkirche« mitzufeiern. »Wir wollen die Feste feiern, wie sie fallen«, sagt Franziska Demmler, die als Pastorin seit 2016 mit der Erfurter Gemeinde unterwegs ist. Die Kirche sei während des Jubiläumsjahrs mit ihrem begehbaren Turm und zahlreichen Veranstaltungen sowieso mittendrin in den Feierlichkeiten.
Feiern und Sanieren
Als ob Feierlichkeiten allein nicht schon genug wären, befinden sich jetzt auch noch die Maßnahmen zur Neugestaltung des Erdgeschosses und des Eingangsbereichs in den Startlöchern. Ein umsichtiger Architektenentwurf zur Grundsanierung und Modernisierung des Erdgeschosses der altehrwürdigen Kirche erhielt nämlich in diesem Jahr grünes Licht, sodass die Schaffung einer barrierearmen Begegnungsstätte in greifbare Nähe rückt.
Die architektonische Neugestaltung soll eine lange und wechselvolle Geschichte der Raumnutzung lösen helfen. Denn schon vor dreihundert Jahren waren die verschiedenen Nutzer der aus dem Mittelalter stammenden Kramläden im Erdgeschoss der Kirche unzufrieden. Die einen reduzierten die außergewöhnliche Raumhöhe von fünfeinhalb Metern durch den Einbau einer Zwischendecke. Andere Nutzer bauten sie wieder aus.
Die Evangelisch-methodistische Kirche als heutige Eigentümerin reihte sich in dieses Wechselspiel ein. Als die Methodistenkirche, eine der beiden EmK-Vorgängerkirchen, das Gebäude 1956 erwarb, übernahm sie die Räume mit eingezogener Zwischendecke. Die Wiederweihe vier Jahr später fand ohne Zwischendecke statt. Doch schon 1973 setzte sich die wechselvolle Decken-Geschichte fort. Eine erneut eingezogene Zwischendecke ermöglichte den Betrieb einer kleinen Herberge für Kinder- und Jugendgruppen im Zentrum Erfurts. Den Weiterbetrieb der beliebten Herberge verhinderten Anfang der 1990er-Jahre die im vereinigten Deutschland verschärften Brandschutzauflagen. Seither blieben die Räume verschlossen.
Mit dem jetzt genehmigten Entwurf legte der Architekt einen geschickten Kompromiss vor. Eigentlich füge sich die Maßnahme in das schon vor über fünfzehn Jahren von der Stadt Erfurt in Gang gesetzte Brandschutzkonzept der Krämerbrücke ein, erklärt die Gemeindepastorin. Die Stadt hatte die Kirche darin einbezogen und für einen notwendigen Umbau finanzielle Unterstützung angeboten. »Diesmal sieht es damit eher mau aus – bis jetzt jedenfalls«, bemerkt Demmler. Deshalb werbe die Gemeinde um Spenden im In- und Ausland. Schließlich könne mit Fug und Recht gesagt werden, dass die im gotischen Stil errichtete Ägidienkirche das weltweit älteste in methodistischem Eigentum befindliche Kirchengebäude ist. Ein auch architektonisch besonderes Merkmal ist das von außen gut sichtbare sogenannte Chörlein, ein aus der Mauer herausragender Gebäudeteil. Vom Gottesdienstraum aus wird diese Erweiterung des Raumes eher als angedeutete, erkerartige Apsis wahrgenommen.
Mit der jetzt geplanten Maßnahme werde die Erhaltung der Kirche als Kulturdenkmal weiter vorangetrieben. Damit werde die Kirche als barrierearme Begegnungsstätte noch mehr Besuchern und Gästen aus dem In- und Ausland einen Zugang bieten. Außerdem gebe es »viele Anfragen«, so Demmler, »unsere Kirche zu nutzen. Das ist im Erdgeschoss nur begrenzt möglich, im Winter schon gar nicht. Aber das wird dann anders.« Die Gemeindepastorin hofft daher, dass das jetzt geplante Projekt gelingt.
Konzerte und Vorträge
Im Rahmen des Jubiläums finden Konzerte in der Kirche statt. Das Theater »Unsere Krämerbrücke« spielt auf, und eine Reihe von Vortragsabenden des Erfurter Geschichtsvereins wird angeboten. Die Kirche sei dann »proppenvoll« und die Gemeinde mittendrin, freut sich Demmler über die Resonanz bei der Erfurter Bevölkerung.
Einen Vortrag hält auch Sebastian Ringeis, der von 2004 an zehn Jahre lang Pastor der Gemeinde war und seither im Ruhestand in Erfurt lebt. Am 20. August referiert er über die Wirksamkeit der »Ägidienpfarrei in der frühen Neuzeit«. Er recherchierte intensiv zur lange in Vergessenheit geratenen Bethesda-Klinik, die von 1892 an bis 1950 in Erfurt zum medizinischen Angebot gehörte. Auf diese Arbeit gehen die ersten Bemühungen für eine methodistische Gemeindearbeit in Erfurt zurück. Die Ergebnisse seiner Recherchen legt Ringeis in einem kürzlich erschienenen Buch vor, in dessen Anhang auch detaillierte Forschungsergebnisse zur Ägidienkirche zu finden sind.
Jubiläumswochenende im September
Vom 5. bis 7. September feiert die Gemeinde das eigene Jubiläumswochenende. Den Auftakt am Freitag bildet ein Konzert mir Orgelimprovisationen. Der Berliner Musiker Joachim Thoms wird unter dem Thema »Von Westminster Abbey nach Notre Dame« die Orgel der Ägidienkirche bespielen. Zumindest altersmäßig kann sich die Ägidienkirche zwischen den beiden weltbekannten Kirchen – Westminster Abbey aus dem Jahr 1245 und Notre Dame aus dem Jahr 1345 – gut einordnen. Der Samstag steht ganz im Zeichen der mit geladenen Gästen feiernden Gemeinde. Ein Festgottesdienst am Sonntag mit dem für Deutschland zuständigen EmK-Bischof Werner Philipp beschließt die Feierlichkeiten mit Gästen aus der Ökumene, der Evangelischen Allianz und der Stadt Erfurt.
Weiterführende Links
Homepage der EmK-Gemeinde Erfurt: www.atlas.emk.de/emk-erfurt
EmK Erfurt Sanierungsmaßnahme Erdgeschoss: www.atlas.emk.de/emk-erfurt/sanierungsmassnahme-erdgeschoss
Geschichte der Ägidienkirche, Quellen, Ansichten, Recherchen: sway.cloud.microsoft/SLhdcjWGZKejYJXG
Krämerbrückenfest: www.kraemerbruecke-erfurt.de/das-jubilaeum
Vorträge Krämerbrückentage: erfurt-web.de/Kraemer-Brueckentage2025
Die Autoren
Franziska Demmler ist Pastorin der Evangelisch-methodistischen Kirche und für die Gemeinde Erfurt zuständig. Stephan Ringeis ist Beauftragter für Öffentlichkeitsarbeit und Rundfunkarbeit der Evangelisch-methodistischen Kirche für die Ostdeutsche Konferenz. Kontakt: oeffentlichkeitsarbeit.ojk(at)emk.de
Zur Information
Veröffentlichung zur Geschichte der Ägidienkirche, der Gemeinde in Erfurt sowie der Bethesda-Klinik:
Sebastian Ringeis, »Bethesda – Geschichte einer verschwundenen Erfurter Klinik«, Ringelbergverlag Erfurt, Taschenbuch, 98 Seiten, 40 Abbildungen, 19,95 Euro (ISBN: 9783945850602)






