Jesus bleibt an Bord
Nach 134 Jahren hat die Gemeinde Werdau der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) am 12. Juli Abschied von ihrer Eben-Ezer-Kirche genommen. In einem Gottesdienst wurde das Gebäude entwidmet. Künftig feiert die Gemeinde ihre Gottesdienste in der Kapelle der Pleißentalklinik.
Seit 1892 war die Kirche für viele Menschen ein geistliches Zuhause. Hier wurde gebetet, gesungen und Abendmahl gefeiert. Menschen wurden getauft und gesegnet, Paare ließen sich trauen, gemeinsam wurde Abschied genommen.
Rund acht Jahre lang rang die Gemeinde um ihre Zukunft. Schließlich stand fest: Die Kräfte der überwiegend älteren Mitglieder reichen nicht mehr aus, um das Gebäude zu erhalten.
Raum für Abschied und Dank
Pastorin Kathrin Posdzich und Superintendent Thomas Roscher gestalteten den Entwidmungsgottesdienst. Roscher nahm die Stillung des Sturms aus dem Matthäusevangelium zum Ausgangspunkt. Wie die Jünger im Boot erlebten auch Gemeinden Veränderungen mit Angst und Verunsicherung. Die Erzählung erinnere jedoch daran, dass Jesus von Anfang an mit im Boot sei.
»Rechnen wir doch mit Gottes Möglichkeiten gerade in den Veränderungen unserer Zeit!«, formulierte der Superintendent in seiner Predigt. Am Ende stand die Zusage: »Jesus ist weiterhin an Bord, im Schiff, das sich Gemeinde nennt.«
Im Abschiedsgebet wandte sich die Gemeinde noch einmal den prägenden Orten des Kirchsaals zu: den Kerzen, dem Abendmahlstisch, dem Ort der Bibel, dem Taufstein, der Musik und dem Segensort. Immer wieder erklang die Bitte: »Bleib in unserer Mitte und geh mit uns.«
»Es war ein sehr würdevoller Gottesdienst, der genug Raum für Abschied, aber auch für Neubeginn gelassen hat«, sagt Posdzich. Die Entwidmungsliturgie der EmK sei dafür ein guter seelsorgerlicher Rahmen. Gemeinden könnten ihn entsprechend ihrer eigenen Geschichte und Situation gestalten.
Stellvertretend für viele Engagierte dankte die Gemeinde Andreas Jahn, der jahrzehntelang die Posaunenchorarbeit und den Orgeldienst geprägt hatte. Posdzich würdigte ihn als »ausgesprochenen Netzwerker und Enthusiasten«.
Die Bibel zieht mit
Während des Postludiums wurden die liturgischen Gegenstände aus der Kirche getragen. Die Bibel und ein Abendmahlsgeschirr waren für die Kapelle der rund zwei Kilometer entfernten Pleißentalklinik bestimmt. Nur wenige Stunden später wurde die Bibel dort während einer Andacht hereingetragen, auf den Abendmahlstisch gelegt und erneut aufgeschlagen.
Thomas Berg, Hausmeister der Klinik, hieß die Gemeinde willkommen: »Ich freue mich sehr, dass ihr hier seid. Euer Schritt beeindruckt mich. Es ist immer gut für ein Gebäude, wenn regelmäßig darin gebetet wird.«
Neue Aufgaben am neuen Ort
Die Gemeinde feiert ihre Gottesdienste künftig in der barrierefrei erreichbaren Krankenhauskapelle. Am 26. Juli fand dort der erste reguläre Gottesdienst statt. Die Kreise der Gemeinde treffen sich künftig in einem örtlichen Lokal. Zugleich wächst die regionale Verbundenheit mit den evangelisch-methodistischen Gemeinden im Kooperationsraum Zwickau-Werdau-Reinsdorf.
Welche neuen Aufgaben aus der Nähe zur Klinik entstehen, wird sich zeigen. In der Andacht bat die Gemeinde um offene Augen für die Nöte der Menschen und um die Bereitschaft zu helfen.
Astrid Martin aus der Gemeinde Braunichswalde kennt den Schmerz, den der Verkauf einer Kapelle auslöst. »Es ist ein echter Schmerz. Das muss man aushalten«, sagt sie. Zugleich sieht sie Chancen am neuen Ort: »Ich finde es gut, dass wir dort vielleicht wirklich etwas für die Patienten tun können.«
Die Gemeinde hat ihr vertrautes Kirchengebäude verlassen. Ihr Auftrag in Werdau geht weiter – an einem neuen Ort und mit Jesus an Bord.
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Der Autor
Michael Löffler ist Theologischer Leiter der EmK-Kirchenkanzlei mit Sitz in Frankfurt am Main und Pressesprecher für die Evangelisch-methodistische Kirche in Deutschland. Kontakt: oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de
Zur Information
Die Evangelisch-methodistische Gemeinde Werdau trägt den Namen Eben-Ezer und wird von Pastorin Kathrin Posdzich geleitet. Die Gemeinde feiert ihre Gottesdienste in der barrierefrei erreichbaren Kapelle der Pleißentalklinik. Im Kooperationsraum Zwickau-Werdau-Reinsdorf arbeitet sie eng mit den benachbarten EmK-Gemeinden zusammen.






