Landesbischof Gohl besucht die THR
»Aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.« Mit diesem Satz aus der Berufungsgeschichte des Petrus (Lukasevangelium, Kapitel 5, die Verse 1–11) stellte Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl den Mittelpunkt seiner Predigt im Hochschulgottesdienst der Theologischen Hochschule Reutlingen (THR) heraus. Nach einer Nacht voller Enttäuschung wage Petrus einen neuen Schritt – nicht aufgrund eigener Erfolgsaussichten, sondern im Vertrauen auf Jesu Wort. Gerade in diesem kleinen Wort »Aber«, so Gohl, begegne uns der Heilige Geist auf frischer Tat. Petrus wage den Schritt des Vertrauens und traue Jesu Wort mehr zu als seiner eigenen Erfahrung.
Jeden Mittwoch lädt die THR von 12 bis 12.45 Uhr zu einem Gottesdienst ein. Am 8. Juli war Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg zu Gast. Bereits vor dem Gottesdienst tauschte er sich mit der Hochschulleitung und den Lehrenden über aktuelle Entwicklungen in Kirche und theologischer Ausbildung aus. An dem Gespräch nahm auch Dekan Marcus Keinath vom Evangelischen Kirchenbezirk Reutlingen teil.
Offen für Kirche, Gesellschaft und die Welt
Rektor Christof Voigt stellte die Entwicklung der Hochschule vor, die im kommenden Jahr ihr 150-jähriges Bestehen am Standort Reutlingen feiert. Heute bietet sie vier staatlich anerkannte Studiengänge an: Bachelor Theologie, Master Theologie, Bachelor Soziale Arbeit und Diakonie sowie den berufsbegleitenden Master Christliche Spiritualität. Seit ihrer staatlichen Anerkennung im Jahr 2005 hat sich die Hochschule bewusst ökumenisch geöffnet. Studierende und Lehrende kommen aus unterschiedlichen Kirchen und Konfessionen. Im Studiengang Soziale Arbeit und Diakonie gehören auch muslimische Studierende ganz selbstverständlich zur Hochschulgemeinschaft.
Ein weiteres Kennzeichen der Hochschule ist ihre internationale Vernetzung. Sie arbeitet eng mit methodistischen Hochschulen und theologischen Ausbildungsstätten weltweit zusammen und stärkt die Zusammenarbeit theologischer Bildung innerhalb der EmK in Europa. Internationale Forschungsprojekte, englischsprachige Lehrangebote und digitale Vorlesungsformate gehören ebenso dazu wie Partnerschaften mit Hochschulen in Europa, Afrika und weiteren Regionen der Welt.
Gemeinsame Herausforderungen
Landesbischof Gohl würdigte besonders diese internationale Perspektive. Sie erweitere den Blick auf Kirche und Theologie und bereichere den ökumenischen Austausch. Im Gespräch wurde zugleich deutlich, dass Freikirchen und Landeskirchen vor ähnlichen Herausforderungen stehen: sinkende Studierendenzahlen in der Theologie, veränderte Berufsbilder und die Frage, wie Menschen heute sprachfähig über den Glauben werden und bleiben können. Mehrfach wurde dabei die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen der Theologischen Hochschule Reutlingen und der Evangelischen Landeskirche in Württemberg hervorgehoben.
Vertrauen trotz leerer Netze
Diesen Gedanken griff Gohl in seiner Predigt auf. Christlicher Dienst kenne erfüllende Erfahrungen ebenso wie Zeiten der Enttäuschung – volle ebenso wie leere Netze. Jesus berufe Menschen nicht aufgrund ihrer Erfolge, sondern gerade mit ihren Grenzen und ihrer Bedürftigkeit. Der entscheidende Wendepunkt der Berufungsgeschichte liege in den Worten des Petrus: »Aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.« Glaube bedeute, Gottes Wort mehr zuzutrauen als den eigenen Erfahrungen und Möglichkeiten.
Mit einem Blick auf die Geschichte des Methodismus erinnerte Gohl daran, dass auch die ersten Methodistinnen und Methodisten Widerstände erlebt hätten. Dennoch hätten sie sich den Armen und den Menschen am Rand der Gesellschaft zugewandt. Darin werde sichtbar, was das »Aber« des Glaubens bewirke: Menschen vertrauen Gottes Wort mehr als den Umständen, die ihnen entgegenstehen. Dieses Vertrauen, so der Landesbischof, brauche die Kirche bis heute – überall dort, wo Menschen sich von Christus rufen lassen und seinem Wort folgen.
Weiterführende Links
Der Autor
Michael Löffler ist Theologischer Leiter der EmK-Kirchenkanzlei mit Sitz in Frankfurt am Main und Pressesprecher für die Evangelisch-methodistische Kirche in Deutschland. Kontakt: oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de
Zur Information
Ernst-Wilhelm Gohl (*1963) ist seit 2022 Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Zuvor war er 16 Jahre Dekan des Evangelischen Kirchenbezirks Ulm. Er studierte Evangelische Theologie in Tübingen, Bern und Rom.






