Wer sind die Evangelikalen?
»Ich möchte Euch heute einen Text anbieten«, schreibt der Bischof i. R. der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK), Walter Klaiber, in einer E-Mail. Anlass ist ein ausführlicher Beitrag zur Frage: »Wer sind die Evangelikalen?« – ein Thema, das angesichts aktueller Entwicklungen, besonders in den USA, viele beschäftigt. Klaiber hat darüber mehrere Vorträge gehalten und stellt seine Überlegungen nun zur Verfügung. »Es lohnt sich, sich mit der Frage zu beschäftigen: Wer sind diese Evangelikalen?«
Differenzierter Blick auf eine vielgestaltige Bewegung
In seinem Beitrag, der den Weg »vom Hoffnungsträger zum Schreckgespenst« nachzeichnet, beschreibt der Theologe die historischen Wurzeln und die weltweite Entwicklung der evangelikalen Bewegung. Dabei wird deutlich: Der Begriff »evangelikal« ist vielschichtig und nicht eindeutig. Ursprünglich als englisches Pendant zu »evangelisch« entstanden, hat sich seine Bedeutung seit dem 18. Jahrhundert stark verändert.
Eine wichtige Rolle spielt dabei die Erweckungsbewegung des 18. Jahrhunderts, die eng mit Persönlichkeiten wie John Wesley verbunden ist. In ihr sieht Klaiber zentrale Anliegen evangelikaler Frömmigkeit angelegt, die auch die methodistische Tradition nachhaltig geprägt haben.
Als gemeinsame Grundlage beschreibt Klaiber zentrale Merkmale wie die besondere Bedeutung der Bibel, die zentrale Rolle des Kreuzes, die persönliche Glaubenserfahrung und das missionarische Engagement. Diese Anliegen haben weltweit viele Kirchen geprägt und wichtige geistliche Impulse gesetzt. Zugleich macht er deutlich, wie unterschiedlich sich diese Grundlinien entwickelt haben. Klaiber beschreibt verschiedene Strömungen – von klassisch evangelikalen Ansätzen über pfingstlich-charismatische Prägungen bis hin zu sozial engagierten oder auch stark konservativen Ausrichtungen.
Spannungen und Herausforderungen
Besondere Aufmerksamkeit widmet der Altbischof aktuellen Spannungsfeldern. Dazu gehören etwa fundamentalistische Positionen, das sogenannte Wohlstandsevangelium oder Formen eines christlichen Nationalismus, wie sie vor allem in den USA sichtbar werden.
Klaiber zeigt, dass solche Entwicklungen teilweise in Spannung zu den ursprünglichen Anliegen der evangelikalen Bewegung stehen. Gleichzeitig macht er deutlich, wie schwierig klare Abgrenzungen sind und wie stark öffentliche Wahrnehmungen oft einzelne Strömungen verallgemeinern.
Einordnung für Deutschland
Auch die Situation in Deutschland nimmt der Theologe in den Blick. Er beschreibt die Verbindung zum Pietismus und zur Gemeinschaftsbewegung sowie die späteren innerkirchlichen Auseinandersetzungen. Dabei wird deutlich, wie stark der Begriff »evangelikal« hierzulande auch als Abgrenzungsbegriff verwendet wurde. Zugleich verweist Klaiber auf aktuelle Bemühungen, verantwortliche Positionen zu stärken und sich von extremen oder vereinfachenden Deutungen zu distanzieren.
Offene Fragen für die Zukunft
Am Ende stellt der Altbischof eine grundlegende Frage: »Ist die Sache, um die es ursprünglich ging, … zu retten?« Dabei geht es ihm auch darum, ob diese Form evangelischen Christseins aus einseitigen Vereinnahmungen – etwa durch fundamentalistische oder nationalistische Strömungen – gelöst werden kann und in einer zunehmend säkular geprägten Gesellschaft dazu beiträgt, den Kern evangelischen Glaubens zu bewahren: die Orientierung an der Heiligen Schrift, die persönliche Glaubenserfahrung, das Leben in verbindlicher Gemeinschaft sowie das missionarische und diakonische Engagement.
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Der Autor
Michael Löffler ist Theologischer Leiter der EmK-Kirchenkanzlei mit Sitz in Frankfurt am Main und Pressesprecher für die Evangelisch-methodistische Kirche in Deutschland. Kontakt: oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de
Zur Information
Dr. Walter Klaiber lebt im Ruhestand in Tübingen. Von 1989 bis 2005 war er als Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) für die Zentralkonferenz Deutschland zuständig. Zuvor war er als Dozent für Neues Testament am Theologischen Seminar der EmK in Reutlingen tätig und mehrere Jahre auch Rektor dieser theologischen Ausbildungsstätte für den deutschsprachigen Raum. Kontakt: oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de.






