»Straft Gott durch Katastrophen?« – Diese Frage ist schnell zur Hand und wird oft gestellt.

»Straft Gott durch Katastrophen?« – Diese Frage ist schnell zur Hand und wird oft gestellt. Ein Artikel des Magazins »unterwegs« der Evangelisch-methodistischen Kirche beschäftigt sich mit dieser Frage.

Corona-Pandemie

Die Fragenden werden in Frage gestellt

Katastrophen werfen oft die Frage auf, ob Gott dadurch straft. So auch bei der jetzigen Pandemie. Das EmK-Magazin »Unterwegs« stellt sich dieser Frage.

In der jüdischen und christlichen Religionsgeschichte waren Seuchen Zeichen dafür, dass in der Lebensart des Volkes Gottes Unerträgliches geschieht. Gott vollziehe deswegen mit einer todbringenden Krankheit ein Strafgericht über Sünder und Nicht-Sünder. Es gibt dafür ein altes Wort: »Gottesgeißel«. Ist also die Corona-Pandemie eine Gottesgeißel? Wenn das stimmte, dann wären unvergleichlich schlimmere Seuchen auf der südlichen Hälfte der Welt drastische Formen der Gottesgeißel. Die »Deutsche Welthungerhilfe « verschickte dieser Tage einen Brief mit einer Mitteilung, die alle wissen können: »Etwa alle zehn Sekunden stirbt ein Kind unter fünf Jahren an den Folgen von Unterernährung. Über sechzig Millionen Kinder in Indien leiden an Mangelernährung.«

Es gibt keine Gottesgeißel

Jesus gibt ein Beispiel und erklärt: »Meint ihr, dass die achtzehn Menschen, auf die der Turm am Teich Siloah stürzte und sie erschlug, schuldiger gewesen sind als alle anderen Bewohner Jerusalems? Nein, sage ich euch; sondern wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle ebenso zugrunde gehen« (Lukas 13, 4-5). Er knüpft damit an ein Unglück an: Am Teich Siloah in Jerusalem stürzt ein Turm ein und begräbt achtzehn Menschen unter sich. Nach dem damaligen Verständnis kann das kein Zufall sein: Ein solches Unglück kann nicht ohne den Willen Gottes geschehen. Denn er, Gott, bestimmt die Todesstunde eines Menschen. Irgendetwas Unverzeihliches müssen die Erschlagenen getan haben.

»Meint ihr, dass die achtzehn Menschen schuldiger gewesen sind als alle anderen Bewohner Jerusalems?« Mit nur einer Frage fällt Jesus das Dogma, besondere Schuld führe zu besonderem Unglück. Es gibt keine Gottesgeißel. Gott in Christus quält und tötet nicht. Der Mensch soll nicht Gott in Frage stellen. Vielmehr stellt Gott die Fragenden in Frage: »Wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle ebenso zugrunde gehen.«

Eine unlösbare Frage

Jesus wagt es, die Unterschiede in der Schuldfrage aufzuheben und sündige Verantwortlichkeiten bei den Opfern des Siloha-Unglücks außer Acht zu lassen. Die quälende Frage, warum der allmächtige Gott Siloah und Corona und so viele andere Massenerkrankungen und Massenverletzungen zulässt, werden wir nicht lösen. Sie lässt sich nicht beantworten. Sie ist philosophisch und theologisch noch nie gelöst worden.

Auch Jesus beantwortet die Frage nicht, warum der Turm eingestürzt ist. Darum sollten wir uns definitiv entschließen, eben nicht zu wissen und zu sagen, woher das Unglück seine tödliche Wirksamkeit hat und wieso es in Gottes Welt kommen kann. Angesichts unserer Unfähigkeit, den uns in Christus unbedingt liebenden Gott in Vereinbarung zu bringen mit den Erfahrungen grenzenlosen Leids, sollten wir zugeben: Wir können das nicht vereinbaren. Wir können nur darum bitten, dass Gottes Liebe uns und die Anderen über Schuld und Unglück, über Seuchen und Tod hinausträgt. Jedoch erwarten wir Auskunftslose sehnsüchtig mehr: nicht weniger als den neuen Himmel und die neue Erde und mit ihnen Gottes Antwort auf so viele Fragen.

Kehrtwende, um sich in der Welt zu engagieren

Diese Hoffnung »auf das Ende hin« ist keine Vertröstung. Sie ist Versprechen. Und ebenso ist sie Aufforderung zu menschlicher Zuwendung. Der gekommene und kommende Christus gibt Stärkung und Weisung im Augenblicklichen. Erst hernach bewahrheitet sich die Hoffnung. Erst nach Corona, erst dereinst kommen der Wiederkommende und die neue Schöpfung. Darum bezieht sich die Frage nach dem Warum nicht mehr vorrangig aufs eigene Leid, sondern sie wird zur solidarischen Frage nach dem Leiden Anderer. Sie sind ja mitnichten Opfer einer Gottesgeißel.

»Wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle ebenso zugrunde gehen «, warnt Jesus. Worin geschieht die Umkehr? Zunächst in der Kehrtwende des Menschen zu Gott. Der Umkehrende beginnt neu, Gott in Christus zu vertrauen und zu gehorchen. Daraufhin besteht sie in der Hinwendung zum Mitmenschen. Der Umkehrende beginnt neu, seinen Teil für eine Welt zu tun, in der Kranke getröstet und Krankheiten mit Sinn und Verstand behandelt werden. Und viele, viele Leidende – gleich woher sie kommen – müssen von uns besser aufgenommen und ernährt, geachtet und beschützt werden. Und im Absehbaren sollen Gerechtigkeit und Macht, Reichtum und Armut zu einem besseren Ausgleich kommen.

Bildnachweis: Vektor Kunst, pixabay

Dieser Artikel ist dem zweiwöchentlich erscheinenden Magazin »unterwegs« der Evangelisch-methodistischen Kirche – Nummer 07/2020 vom 29. März 2020 – entnommen.Während der Ausgangsbeschränkungen anlässlich der Corona-Pandemie sind die EmK-Veröffentlichungen »Unterwegs« und »Podium« als digitale Frei-Abonnements erhältlich. Die App »Freikirchen-Kiosk« (im AppStore, bei GooglePlay oder als Browser-Version) installieren. Sobald die App installiert ist, können die nachstehenden Freischaltcodes verwendet werden. Dazu die Rubrik »Freischaltcode« öffnen und den Code eingeben. (Bei der Browser-Version muss ein Benutzerkonto angelegt werden, um den Freischaltcode eingeben zu können.) Code für Unterwegs: uwApp4all2020, Code für Podium: pdApp4all2020


Der Autor
Rolf Wischnath ist Honorarprofessor der Universität Bielefeld. Er war reformierter Pfarrer in Soest und Berlin. Von 1995 bis 2004 war er Generalsuperintendent für das östliche Brandenburg. Kontakt über: redaktion(at)emk.de