Gemeinde sein in Vielfalt
Mitte Januar kamen im »Haus Höhenblick« im hessischen Braunfels etwa 55 Frauen und Männer zusammen, die internationale und Migrantengemeinden im deutschen Teil der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) leiten oder sich dort engagieren. Ziel der Tagung war es, Menschen in Leitungsverantwortung zusammenzubringen, gegenseitiges Lernen und Austausch zu ermöglichen, erklärte Pastor Frank Aichele, der die Arbeit dieser Gemeinden koordiniert.
Im Mittelpunkt der Tagung stand die Frage, wie Menschen aus verschiedenen Kulturen gemeinsam Gottesdienst feiern und Gemeinde leben können – nicht nebeneinander, sondern miteinander. Die Teilnehmenden brachten Erfahrungen aus ghanaischen Gemeinden, farsisprachigen und ukrainischen Gruppen und internationalen Gemeinden in deutschen Großstädten mit. Man lud bewusst viele jüngere Personen ein, um zu diskutieren, wie Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene ihren Platz in Gottesdiensten finden können. Ziel war es, die Teilnehmenden zum Nachdenken und gegebenenfalls zur Veränderung ihrer Gottesdienstpraxis anzuregen, so Aichele.
Gemeinsam Leib Christi sein
Die Theologin Erika Stalcup aus Lausanne, Schweiz, widmete sich in ihren Vorträgen der Frage, wie interkultureller Gottesdienst gelingen kann. Dabei versteht sie einen Gottesdienst als Ort, an dem Christinnen und Christen zusammenkommen, um Gottes Wort zu hören, mit Gebet und Dank zu antworten, gestärkt zu werden und sich neu in die Sendung Gottes zu stellen. Sie betonte: Gemeinde ist kein Gebäude und kein fest umrissener Ort, sondern, wie der Apostel Paulus sagt, der Leib Christi, bestehend aus vielen unterschiedlichen Menschen.
Wo Menschen zusammenkommen, so Stalcup, entstehen zwangsläufig auch Spannungen und Konflikte. Unterschiedliche musikalische Vorlieben, verschiedene Erwartungen an Liturgie oder die Frage, wer Verantwortung übernimmt und wer sich ausgeschlossen fühlt, zeigen: Konflikte zur Gestaltung der Gottesdienste sind meist Ausdruck tiefer liegender Spannungen. Es gehe daher weniger um die »richtige« Form des Gottesdienstes als um die Art und Weise, wie Menschen miteinander umgehen.
»Wer wird übersehen?«
Stalcup wies eindrücklich auf den Umgang mit Unterschiedlichkeit in den Gemeinden hin. Wenn Menschen als »anders« oder »weniger« wahrgenommen werden, spricht man ihnen unbewusst ihre Würde als Kinder Gottes ab. Dem stellte sie den Kern des christlichen Glaubens entgegen: »Jeder Mensch ist ein Kind Gottes. Gemeinsam bilden wir den Leib Christi und dieser Leib braucht Vielfalt, um lebendig zu sein.« Unterschiedlichkeit sei kein Störfaktor, sondern das Wesen der Kirche. Für die Gottesdienstplanung bedeute das, genau hinzuschauen: Wer wird übersehen? Wessen Bedürfnisse bleiben unerfüllt? Wer nimmt nicht teil – und warum?
In der Vorbereitung der Gottesdienste sei es wichtig, »sensibler auf die Wünsche und Bedürfnisse aller Gruppen, besonders auch der jüngeren« zu achten, resümiert Frank Aichele. Es sei wichtig, die unterschiedlichen Gruppen der Gemeinde »in die Vorbereitung und Gestaltung« einzubinden und die Gottesdienstpraxis zu überdenken. »Weil eben nicht etwas schon allein deshalb gut ist, weil wir es schon lange so gemacht haben«, so Aichele und fährt fort: »Gottesdienst ist und bleibt ein zentrales Element des Gemeindelebens und sollte darum auch entsprechend gut vorbereitet werden.«
Häuser bauen, Gärten pflanzen
Im Gottesdienst zum Abschluss der Tagung griff Bischof Werner Philipp diese Themen auf und stellte sie in einen biblischen Zusammenhang. Ausgehend vom biblischen Buch Jeremia, Kapitel 29, Vers 7, erinnerte er an die Botschaft des Propheten an die Menschen im babylonischen Exil: »Seht zu, dass es der fremden Stadt gut geht, in die ich euch verbannt habe! Betet für sie zum Herrn! Denn geht es ihr gut, wird es auch euch gut gehen. Und ihr werdet in Frieden leben.« Diese Aufforderung des Propheten, so der Bischof, sei heute auch an die internationalen Gemeinden in Städten wie Berlin, Frankfurt oder Hamburg gerichtet.
Werner Philipp warnte vor der Versuchung einer »Koffer-Theologie«: der inneren Haltung, nur auf der Durchreise zu sein, sich nicht einzulassen und unter sich zu bleiben. Gottes Gegenentwurf sei eindeutig: Häuser bauen, Gärten pflanzen, investieren – mitten im fremden Land. Für internationale Gemeinden bedeute das, sich als von Gott bewusst hierher gestellt zu verstehen, nicht als Wartende, sondern als Mitgestaltende. Interkultureller Gottesdienst beginne im Herzen und im Kopf – mit der Bereitschaft, sich einzulassen, Verantwortung zu übernehmen und zum Segen für das Umfeld zu werden.
Der Autor
Michael Putzke lebt in Bremen. Er ist Pastor der Evangelisch-methodistischen Kirche und leitet die Redaktion des zweiwöchentlich erscheinenden Kirchenmagazins »Unterwegs«. Kontakt: redaktion(at)emk.de
Zur Information
Migrantengemeinden
Im deutschen Teil der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) gibt es Gemeinden, zu denen sehr viele oder nur Einwanderer gehören. Sie werden Migrantengemeinden genannt und sind in die deutschen Strukturen der EmK eingebunden.
Die Sprache Farsi
Farsi, auch Persisch genannt, wird im Iran und in Tadschikistan gesprochen. Es ist dort Amtssprache. Dari, ein Dialekt, ist eine der Amtssprachen in Afghanistan und wird zum Teil als Zweitsprache genutzt. Farsi ist darüber hinaus in manch weiteren Ländern Zentralasiens als Minderheitensprache verbreitet, so in Usbekistan, Kirgisien und Turkmenistan. Die Schrift, geschrieben und gelesen von rechts nach links, ähnelt dem Arabischen. In Tadschikistan wird kyrillisch geschrieben. Im Deutschen gibt es Lehnwörter wie Basar, Karawane, Paradies, Schach und Schal.






