Methodistischer Weltrat Von Michael Löffler  | 

San Salvador: Wo Gerechtigkeit unter die Haut geht

Im Mittelpunkt Bischof Werner PHilipp in dunkler Kleidung mit weißem Kollar, der neben Bischöfin in Ruhe Rosemarie Wenner im gepunkteten Kleid steht. Beide lächeln in die Kamera. Sie befinden sich in einer Halle mit gelbem Säulen, Mosaikfenstern und einer großen bronzenen Skulptur in Form eines liegenden Körpers. Im Hintergrund sind weitere Menschen zu sehen, einige fotografieren oder betrachten die Umgebung. Links im Bild stehen zwei gepolsterte Kniebänke und ein Kruzifix an der Wand. Die Atmosphäre wirkt ruhig und respektvoll.
Bischof Werner Philipp und Bischöfin i. R. Rosemarie Wenner am Grab Óscar Romeros.
Bildnachweis: Michael Löffler, EmK-Öffentlichkeitsarbeit
Armut, Klimawandel, die Spuren Óscar Romeros und ein Friedenspreis: In San Salvador zeigt sich, wie viele Gesichter Gerechtigkeit haben kann.
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Was heißt Gerechtigkeit, wenn sie nicht nur ein schönes Wort im Tagungsprogramm bleiben soll? Diese Frage zog sich am Freitag, 14. August, durch den zweiten Tag der Tagung des Weltrats methodistischer Kirchen (World Methodist Council, WMC) in San Salvador: vormittags in Vorträgen und Gesprächen, nachmittags an Orten, die eng mit Óscar Romero verbunden sind, und abends bei der Verleihung des Friedenspreises.

Gerechtigkeit hat viele Seiten

Philip Peacock, Generalsekretär der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen, nahm drei Geschichten aus dem Johannesevangelium in den Blick. Bei der Hochzeit zu Kana erhalten nach seiner Auslesung ausgerechnet die Dienenden am Ende den besten Wein – Gottes Reich kehrt die vertraute Rangordnung um. Bei der Speisung der Fünftausend wird aus dem Proviant eines armen Jungen genug für alle: Gerechtigkeit wächst von unten. Beim Frühstück am See beauftragt Jesus Petrus, für andere zu sorgen – Freundschaft und Dienst treten an die Stelle von Rang und Macht.

Das anschließende Podium holte diese Gedanken ins Heute. Die salvadorianische Theologin Suyapa Pérez Escapini sprach über Armut, Sosiana Tangi über die längst spürbaren Folgen der Klimakrise im Südpazifik und Katrena King über die gleichberechtigte Beteiligung von Frauen. Die Beiträge machten deutlich, wie eng Armut, Klimawandel und fehlende Teilhabe zusammenhängen – und dass ihre Folgen nicht alle Menschen gleich treffen.

Danach wurde es formaler: Die Ausschüsse für ökumenische Beziehungen, Bildung und theologische Ausbildung, methodistische Schulen und Hochschulen sowie Jugend und junge Erwachsene berichteten über ihre Arbeit.

Ein kleines Haus – eine große Stimme

Am Nachmittag besuchten die Teilnehmenden Orte, die mit Óscar Romero verbunden sind: sein schlichtes Wohnhaus, die Kapelle des Krankenhauses »Divina Providencia« und sein Grab in der Kathedrale. Romero galt zunächst als eher konservativer Bischof. Als Erzbischof von San Salvador stellte er sich jedoch immer deutlicher an die Seite armer und entrechteter Menschen und prangerte staatliche Gewalt öffentlich an. Sein Wahlspruch »Mit der Kirche fühlen« bekam für ihn sehr konkrete Folgen: Kirche gehörte für Romero an die Seite der Armen. Seine Predigten waren im ganzen Land im Radio zu hören. Am 24. März 1980 wurde er während einer Messe am Altar erschossen.

»Mich beeindruckt vor allem sein Wandel hin zu einem radikalen, unerschrockenen Einsatz für die Entrechteten«, sagte Bischof Werner Philipp. Für Romero sei das Evangelium untrennbar mit dem Auftrag verbunden gewesen, gegen Gewalt und Unterdrückung aufzustehen.

Bischöfin i. R. Rosemarie Wenner bewegte besonders, dass Menschen in der Kapelle, in der Romero erschossen wurde, voller Hingabe beteten. »Auch unsere Zeit braucht solche Menschen, die hingebungsvoll und klar das Evangelium predigen und verkörpern«, sagte sie.

Auf dem Rückweg wurde es knapp: Die beiden Busse der Gruppe steckten im dichten Verkehr San Salvadors fest. Zur abendlichen Preisverleihung kamen die Teilnehmenden gerade noch rechtzeitig.

Frieden braucht einen langen Atem

Schülerinnen und Schüler der methodistischen Schule eröffneten die abendliche Feier mit Musik und Tanz – lebendig, farbenfroh und ganz salvadorianisch. Im Mittelpunkt stand der argentinische Methodist und Wirtschaftswissenschaftler Dr. Humberto Martin Shikiya. Für seinen langjährigen Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung erhielt er den Friedenspreis des Weltrats. In Kolumbien hilft er dabei, Vertrauen zwischen den Konfliktparteien aufzubauen. Dabei setzte er sich auch dafür ein, indigene Stimmen einzubeziehen – also den Angehörigen der ursprünglichen Bevölkerungsgruppen Kolumbiens Gehör zu verschaffen.

Shikiya verstand die Auszeichnung zugleich als Ermutigung und Verpflichtung. »Frieden ist kein Ziel, sondern eine Verantwortung«, sagte er. Mit Blick auf Romero erinnerte er daran, dass Frieden Mut, Wahrheit und radikale Liebe brauche.

 

Weiterführende Links

Óscar Romero – Leben und Wirken (Englisch)

Der Autor

Michael Löffler ist Theologischer Leiter der EmK-Kirchenkanzlei mit Sitz in Frankfurt am Main und Pressesprecher für die Evangelisch-methodistische Kirche in Deutschland. Kontakt: oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de

Zur Information

Óscar Romero
Óscar Arnulfo Romero (1917–1980) war von 1977 bis 1980 katholischer Erzbischof von San Salvador. In seinen landesweit im Radio übertragenen Predigten sprach er über soziale Ungerechtigkeit und Menschenrechtsverletzungen und setzte sich besonders für arme und entrechtete Menschen ein. In seiner letzten Predigt am 24. März 1980 griff er das biblische Bild vom Weizenkorn auf, das sterben muss, damit es Frucht bringt. Noch während der Messe wurde Romero in der Kapelle des Krankenhauses »Divina Providencia« erschossen. Papst Franziskus sprach ihn 2018 heilig. In El Salvador gilt Romero bis heute als Symbol für Gerechtigkeit, Frieden und die Würde jedes Menschen.

Humberto Martin Shikiya
Der argentinische Wirtschaftswissenschaftler Humberto Martin Shikiya gehört als Laie der Iglesia Evangélica Metodista Argentina (IEMA), einer eigenständigen methodistischen Kirche, an. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet er in Kolumbien mit evangelischen Kirchen, kirchlichen Hilfswerken und ökumenischen Netzwerken zusammen. Der Ökumenische Rat der Kirchen berief ihn 2022 zum Sondergesandten für den Friedensprozess in Kolumbien. Unter erheblichen persönlichen Risiken begleitet er Gespräche der Regierung mit bewaffneten Gruppen, seit September 2025 auch mit dem »Clan del Golfo«.