Zwischen Krieg und Hoffnung: Besuch in der Ukraine
Sirenen heulen, eine App warnt vor Luftangriffen und fordert auf, Schutzräume aufzusuchen. Auch während ihres Besuchs erleben die drei europäischen Bischöfe der Evangelisch-methodistischen Kirche solche Alarme. Für Bischof Werner Philipp wird dabei deutlich: »Es ist ein Unterschied, ob man täglich Nachrichten sieht oder vor Ort ist.«
Gemeinsam mit Bischof Stefan Zürcher (Region Mittel- und Südeuropa) und Bischof Knut Refsdal (Region Nordeuropa, Baltikum und Ukraine) reiste Philipp Ende März nach Transkarpatien und Lwiw. Philipp ist Bischof für die Region Deutschland. Fünf Tage lang standen Begegnungen im Mittelpunkt: mit Gemeinden, kirchlichen Mitarbeitenden und vor allem mit Menschen, die seit Jahren unter Kriegsbedingungen leben.
Begegnungen, die verbinden
In Uschhorod zeigt sich, wie sehr sich das Leben verändert hat. Die Stadt ist durch Binnenflüchtlinge stark gewachsen, die Einwohnerzahl hat sich nahezu verdoppelt. Das bringt Herausforderungen wie steigende Preise und Integrationsspannungen mit sich. Gleichzeitig entstehen neue Formen von Gemeinschaft.
Ein Beispiel ist das Jugendzentrum »Lighthouse«. Dort treffen sich junge Menschen aus verschiedenen Teilen der Ukraine, oft mit ganz unterschiedlichen Hintergründen. Krisen hätten schlimme Auswirkungen – sie brächten aber auch Menschen zusammen und ließen sie über sich hinauswachsen, sagt Philipp. Gerade unter Jugendlichen werde sichtbar, wie wichtig Orte seien, an denen Austausch möglich sei und Vertrauen wachsen könne.
Viele Gesprächspartner betonen, wie wichtig der Besuch der Bischöfe sei. Er wird als Zeichen der Ermutigung verstanden – als Ausdruck dafür, dass Menschen kommen, zuhören und Anteil nehmen. Die Botschaft ist klar: »Ihr seid nicht vergessen.«
Kirche im Ausnahmezustand
In Lwiw wird die Realität des Krieges besonders greifbar. Die Stadt wirkt lebendig, doch die Spuren der Angriffe sind sichtbar. Besonders der Besuch am Soldatenfriedhof hinterlässt einen bleibenden Eindruck.
Philipp beschreibt diese Erfahrung so: »Da merkt man, wie nah der Krieg kommt – wenn es nicht mehr nur Zahlen sind, sondern Namen und Gesichter. Da liegen junge Männer, Familienväter. Und oft stehen Menschen daneben und sagen: Den habe ich gekannt.« So werde erfahrbar, wie tief der Krieg in das Leben der Menschen eingreife.
Auch die Kirche ist stark betroffen. Etwa die Hälfte der ukrainischen Mitglieder der Evangelisch-methodistischen Kirche hat das Land verlassen. Gemeinden im Osten sind geschwächt oder teilweise ohne pastorale Leitung. Gleichzeitig bleibt die Arbeit vor Ort lebendig und offen für Menschen unterschiedlicher Hintergründe.
Hilfe, die trägt
Ein Schwerpunkt der Reise liegt auf der sozialen Arbeit. In Uschhorod und Umgebung betreibt die Kirche zwei Unterkünfte für Binnenflüchtlinge. Viele Bewohnerinnen haben alles verloren und müssen ihr Leben neu ordnen. Einige waren früher Lehrerinnen, Krankenschwestern oder Künstlerinnen. »Es hat sie völlig aus dem Leben gerissen«, beschreibt Philipp die Situation. Gleichzeitig erlebt er einen starken Zusammenhalt: Menschen unterstützen sich gegenseitig, obwohl sie selbst betroffen sind.
Besonders eindrücklich bleibt für ihn eine Begegnung nach dem Gottesdienst: Eine ältere Frau berichtet, dass ihre Schwester bei einem Bombenangriff ums Leben kam. Gleichzeitig war ihre Enkelin schwer an Leukämie erkrankt und kämpfte um ihr Leben. Menschen aus der Gemeinde besuchten das Kind im Krankenhaus und beteten für sie – und die Frau erzählt, dass ihre Enkelin wieder gesund wurde. Danach mussten sie gemeinsam aus der Ostukraine fliehen. Darin zeigt sich für Philipp, wie konkret Glaube in solchen Situationen werde und durch tiefes Leiden hindurchtrage.
Hoffnung im Kleinen
Besonders prägend sind für Philipp die Begegnungen mit Jugendlichen. In einem »Youth Space« in Lwiw wird über Hoffnung gesprochen – und über das Bild vom Senfkorn (Markusevangelium, Kapitel 4, Verse 30 bis 32). Hoffnung beginne oft klein und unscheinbar, wachse aber weiter. Für Philipp wird dieses Bild zum Leitgedanken der Reise. Hoffnung zeige sich nicht zuerst im Großen, sondern in kleinen Schritten: in Begegnungen, im Zuhören, im gemeinsamen Gebet.
Zugleich beeindruckt ihn, mit welcher Entschlossenheit viele Jugendliche trotz allem nach vorne schauten. Obwohl der Krieg ihren Alltag präge und ihre Zukunft unsicher sei, sprächen sie von ihren Plänen: vom Wunsch zu studieren, sich eine Zukunft aufzubauen oder ins Ausland zu gehen – teils mit dem Gedanken, später zurückzukehren. Dabei bewege sie auch die Frage, wie man als Christ mit Gewaltlosigkeit und Vergebung umgeht. Beides ließe sich nicht verordnen, wenn das Böse übermächtig sei und die eigene Existenz bedrohe. Solche Appelle würden die Opfer eher re-traumatisieren. Viele rängen darum, ihr Land zu verteidigen und sich dennoch nicht vom Hass bestimmen zu lassen.
Glaube im Angesicht des Leids
Immer wieder wird für Philipp deutlich, dass der Glaube für viele Menschen eng mit ihrer Lebenswirklichkeit verbunden sei. Der Blick auf den leidenden Christus spiele dabei eine wichtige Rolle: Gott werde nicht als fern erlebt, sondern als einer, der das Leid kenne. Gleichzeitig bliebe die Hoffnung, dass Leid und Zerstörung nicht das letzte Wort hätten. Die Botschaft von der Auferstehung gebe vielen Menschen Halt und Orientierung.
Eine Erfahrung, die bleibt
Der Krieg prägt weiterhin den Alltag. Straßensperren, Kontrollen und die ständige Gefahr der Einberufung belasten viele Menschen. Männer zwischen 25 und 60 Jahren können jederzeit eingezogen werden – eine enorme Herausforderung für Familien und das ganze Land, so Philipp. Und doch nimmt er vor allem eines mit: Hoffnung. »Wir sind hingefahren, um Hoffnung zu bringen – und wir haben selbst Hoffnung empfangen«, sagt er rückblickend.
Die Reise versteht er als Ausdruck gelebter Solidarität – und als Zeichen dafür, dass »wir als internationale Kirche miteinander verbunden sind und uns gegenseitig stärken können«. Seine Botschaft an die Kirche in Deutschland ist klar: dranbleiben, hinschauen, beten – und konkret unterstützen, wenn es um die Menschen in der Ukraine, aber auch um Ukrainerinnen und Ukrainer hierzulande geht. Auch kleine Schritte zählen. Oder, mit dem Bild des Senfkorns gesagt: Aus dem, was klein beginnt, kann etwas wachsen, das trägt. »Passion und Auferstehung lassen uns hoffen, dass Christus uns nicht verlässt – sondern dass wir durchs Kreuz ins Leben gehen.«
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Der Autor
Michael Löffler ist Theologischer Leiter der EmK-Kirchenkanzlei mit Sitz in Frankfurt am Main und Pressesprecher für die Evangelisch-methodistische Kirche in Deutschland. Kontakt: oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de






