Hoffnung gegen das »Minusgefühl«
Mit einem ebenso humorvollen wie nachdenklichen Impuls gestaltete Jens Stangenberg den Vormittag des zweiten Sitzungstages der 34. Tagung der Norddeutschen Jährlichen Konferenz (NJK) in der Evangelisch-methodistischen Kirche. Im Mittelpunkt stand das Konferenzthema »Gemeinde in stürmischen Zeiten. Abbruch – Umbruch – Aufbruch«. Gemeinsam mit den Konferenzmitgliedern dachte Stangenberg darüber nach, wie Gemeinden in einer Zeit großer gesellschaftlicher und kirchlicher Veränderungen ihren Weg finden können.
Kirche in schwierigen Zeiten
Der langjährige Gemeindepastor aus Bremen sprach dabei nicht als jemand mit fertigen Antworten. Vielmehr beschrieb er sich als jemanden, der selbst mitten in den Veränderungen von Kirche und Gemeinde steht. Er berichtete von seinen Erfahrungen in Gemeindegründungen und seiner Arbeit in einer kleinen Baptistengemeinde. Viele Kirchen, so Stangenberg, stünden heute vor ähnlichen Herausforderungen: sinkende Mitgliederzahlen, weniger Geld, überlastete Mitarbeitende und die Frage, welche Bedeutung der christliche Glaube für viele Menschen noch habe.
Mit großer Offenheit sprach Stangenberg von einem weit verbreiteten »Minusgefühl« in Gemeinden. Die Gefahr sei groß, nur noch auf das zu schauen, was weniger wird oder verloren geht. Dem setzte er die Einladung entgegen, neu Hoffnung zu lernen. Hoffnung bedeute nicht, Schwierigkeiten kleinzureden. Vielmehr gehe es darum, die eigene Situation ehrlich wahrzunehmen und trotzdem mit Gottes Möglichkeiten zu rechnen.
Was bleibt von Gemeinde?
Besonders eindrücklich war eine Frage, die Stangenberg stellte: Was bleibt eigentlich von Kirche, wenn Gebäude, Hauptamtliche oder feste Programme nicht mehr selbstverständlich vorhanden sind? Kirche, so seine Überzeugung, bestehe nicht zuerst aus Strukturen, sondern aus Menschen, die miteinander glauben, beten, lernen und füreinander Verantwortung übernehmen.
Damit nahm Stangenberg bewusst den Blick weg von der Frage, was Gemeinden alles nicht mehr haben, hin zu dem, was ihren eigentlichen Kern ausmacht. Gemeinde entstehe dort, wo Menschen miteinander unterwegs seien – im Gottesdienst, in kleinen Gruppen, im Alltag oder beim gemeinsamen Helfen. Kirche sei nicht auf Gebäude beschränkt, sondern dort lebendig, wo Menschen ihren Glauben teilen und Hoffnung weitergeben.
Nicht »zu klein«, sondern einfach klein
Ein Gedanke zog sich wie ein roter Faden durch den Vormittag: Kirche müsse lernen, das Kleine neu wertzuschätzen. Stangenberg wandte sich ausdrücklich gegen die Vorstellung, kleine Gemeinden seien automatisch schwach oder gescheitert. Vielleicht seien Gemeinden nicht »zu klein«, sondern einfach klein – und gerade darin liege eine besondere Stärke.
Veränderung, geistliches Wachstum und Versöhnung entstünden selten durch große Programme, sondern meist in kleinen Gruppen, in persönlichen Begegnungen und durch Menschen, die sich bewusst Zeit füreinander nehmen. Gerade kleine Gemeinden hätten die Möglichkeit, beweglich zu bleiben, mit anderen zusammenzuarbeiten und mitten im Ort präsent zu sein. Kleine Gemeinden seien oft näher an den Menschen und stärker auf Beziehungen angewiesen. Darin liege eine besondere Kraft.
Hoffnung für die Zukunft
Immer wieder ermutigte Stangenberg die Konferenzmitglieder, sich nicht mit Resignation zufriedenzugeben. Kirche sei keine »Konkursverwaltung«, sondern eine Gemeinschaft, die auf Gottes Wirken vertraue. Auch dort, wo zunächst nur Rückgang sichtbar sei, könne Neues wachsen. Wie ein Trieb, der lange unsichtbar unter der Erde wächst, bevor er ans Licht kommt, könne Gott überraschend neue Entwicklungen schenken.
Der Autor
Michael Löffler ist Theologischer Leiter der EmK-Kirchenkanzlei mit Sitz in Frankfurt am Main und Pressesprecher für die Evangelisch-methodistische Kirche in Deutschland. Kontakt: oeffentlichkeitsarbeit(at)emk.de
Zur Information
Die Norddeutsche Jährliche Konferenz ist ein Kirchenparlament der Evangelisch-methodistischen Kirche. Ihr Gebiet umfasst die Bundesländer Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Schleswig-Holstein sowie Teile von Nordrhein-Westfalen, Hessen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Das Kirchenparlament hat rund 120 Mitglieder. Es ist zuständig für rund 80 Gemeinden.
Zur Person: Jens Stangenberg
Jens Stangenberg (*1965) ist Pastor im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG), Referent, Autor und Podcaster. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit Fragen der Gemeindeentwicklung und der Zukunft von Kirche in einer sich verändernden Gesellschaft. Er arbeitet in der Evangelisch-Freikirchlichen Zellgemeinde Bremen und begleitet Gemeinden in Veränderungsprozessen. Bekannt ist Stangenberg außerdem durch Vorträge, Podcasts und Veröffentlichungen zu Themen wie geistliche Gemeinschaft, neue Formen von Kirche und gemeinsames Lernen in Gemeinden. Dabei wirbt er besonders für kleine, lernbereite Gemeinden, die mitten im Alltag der Menschen präsent sind.
Info: ensstangenberg.de






